Mutige Hebammen

Der Wochenabschnitt Schemot ist mehr als der Auftakt eines neuen biblischen Buches. Im Übergang vom friedlichen Leben der Kinder Jakows zum drückenden Joch der ägyptischen Sklaverei vollzieht sich ein innerer Wandel.

Die Tora betont, dass »ein neuer König aufstand, der Josef nicht kannte«. Die Rabbinen im Talmud diskutieren: Konnte er Josef wirklich nicht kennen? Oder wollte er ihn nicht kennen?

Hier liegt eine tiefe menschliche Wahrheit. Manchmal ist das Vergessen nicht ein Mangel an Erinnerungsvermögen, sondern ein bewusster Akt moralischer Verdrängung. Wer Wohltaten leugnet, entledigt sich der Verpflichtung zur Dankbarkeit. Und wer Dankbarkeit ablegt, setzt den ersten Schritt in Richtung Unterdrückung.

So entstand eine Atmosphäre, in der die Israeliten nicht mehr als Menschen wahrgenommen wurden, sondern als anonyme Fremde, deren Zahl angeblich eine Bedrohung darstellte. Die Tora hält uns so einen Spiegel unserer Gegenwart vor: Wo Ängste geschürt werden, entstehen Feindbilder. Wo Feindbilder entstehen, ist der Weg zur Entrechtung bereits geebnet.

Im Mittelpunkt der Parascha stehen die beiden Hebammen Schifra und Pua – zwei Frauen, die nicht mit Waffen, nicht durch politische Macht, sondern allein durch ihr Gewissen die erste Rettung der israelitischen Kinder bewirken. Manche Quellen identifizieren sie mit einfachen Frauen, die dem Pharao in nichts verpflichtet waren.

Der Pharao befahl den israelitischen Hebammen, die jüdischen Knaben nach der Geburt zu töten. Die Mädchen werden wir als Sklavinnen verkaufen, dachte der Herrscher, und damit wäre das Problem auch schon gelöst. Dieser Plan scheiterte unerwartet........

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