Mit Papier, Schere und Klebestift

07. Mai 2026 – 20. Ijar 5786

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Mit Papier, Schere und Klebestift

Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde

Neben dem Interesse am Judentum sollte der Bewerber/die Bewerberin für die Redakteursstelle den Klebeumbruch beherrschen. Wir schrieben das Jahr 1994, und den Klebeumbruch kannte ich aus meinem Volontariat. Vor 32 Jahren wurde die Zeitung noch mithilfe von Papier, Schere und Klebestift zusammengebastelt. Texte kamen per Fax, Manuskripte teils per Post – drucktechnische Steinzeit.

Die damals in Bonn erscheinende Allgemeine Jüdische Wochenzeitung (AJW), wie sie 1994 noch hieß, war gerade knapp der vollkommenen Einstellung entgangen. Die CDU-Politikerin und damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hatte sich für den Erhalt der einzigen deutschsprachigen jüdischen Zeitung eingesetzt. Prominente appellierten an die Regierung, diese wichtige Zeitung zu bewahren. War sie bis 1993 noch wöchentlich erschienen, kam sie ein Jahr später nur noch alle 14 Tage heraus.

Eine Zeit großer Herausforderungen

Sie blieb dem Zeitungsmarkt erhalten. Und das war gut so, denn es war die Zeit der jüdischen Einwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die Zeit einer Aufbruchstimmung, der Zuversicht, jüdisches Leben in Deutschland wiederbeleben zu können, aber auch eine Zeit großer Herausforderungen.

Die Themen lagen auf der Straße. Anfang der 90er-Jahre nahmen rund 27.000 Mitglieder jüdischer Gemeinden zwischen 150.000 und 200.000 russischsprachige Juden auf. Das zahlenmäßige Missverhältnis zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern barg Stoff ohne Ende. Doch wie erfuhren die Redakteure davon, was in den Gemeinden zwischen Hamburg und München vor sich ging? Per Telefon, über verzweifelte Briefe, Schlagzeilen lokaler Zeitungen, die wieder über einen vermeintlichen Skandal berichteten.

Das Korrespondentennetz war jedoch klein. Nur wenige Journalisten örtlicher Zeitungen beschäftigten sich damals mit jüdischem Leben. Im Ballungszentrum Ruhrgebiet, in Bayern, Baden-Württemberg und in Norddeutschland gab es einige wenige Kollegen, die schon einmal Kontakt zu einer jüdischen Gemeinde hatten. Oder sie hatten bereits über ein Thema berichtet, und ich konnte nachfragen, ob sie für die AJW ihren Artikel noch etwas erweitern wollten. Alles per Telefon oder Fax.

Auf manche Antwort mussten wir einen halben Tag warten, oder länger. Fest angestellte Redakteure durften teils nicht für andere........

© Juedische Allgemeine