We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Erinnerungen an Jom Kippur

5 2 1
15.09.2021

In den Herbstferien sind wir – wie im Sommer – in Südtirol. (…) In unserer Ferienwohnung höre ich Omrys Interview mit meinem Vater ab (das mein Großcousin an Chanukka 2014 mit Shraga Goldmann geführt hatte). Vier Stunden Tonmaterial. Manchmal klingt seine Stimme undeutlich und verwaschen, aber ich erkenne die Geschichten, die ich so sehr geliebt habe, und bin erstaunt über andere, die ich in dieser Form noch nicht kannte.

Mein Vater war ein guter Erzähler, und die Zeit hat für mich gearbeitet: Seit seinem Tod sind fast zwei Jahre vergangen. Jetzt kann ich an das Interview herangehen wie eine Rundfunkautorin, die Material sichtet und O-Töne schneidet. Ich merke, wie meine Kraft zurückkommt. (…)

Am 9. Oktober 2019 machen wir einen Ausflug (…). Am Nachmittag sind wir wieder in unserer Ferienwohnung im Pflerschtal. Mein Mann schaut auf sein iPhone. Ein Attentäter hat versucht, in die Synagoge von Halle einzudringen, ausgerechnet an Jom Kippur, er hat zwei Menschen erschossen. Ich verfolge die Nachrichten nur so lange, bis die Amok-Lage beendet und der Mörder gefasst ist.

Der Anschlag von Halle wird kein Grund für mich sein, mein Land zu verlassen.

Dann bin ich wieder offline bis zum Ende der Ferien. Ich höre keine Nachrichten mehr, ich höre die Stimme meines Vaters, ich schreibe weiter, lasse mich nicht aus dem Konzept bringen. Bis heute bin ich überzeugt davon, dass der Anschlag von Halle kein Grund für mich sein wird, mein Land zu verlassen. Und ich glaube, dass mein Vater mir zugestimmt hätte – er, der als knapp dreijähriger jüdischer Junge im September 1938 das Glück hatte, aus Europa entkommen zu können.

TRIEST Die Aufnahme läuft, ich höre die Geschichte von der Überfahrt: Das Erste, was mein Vater aus seiner frühen Kindheit erinnerte, war die Schiffsreise nach Palästina.

Wir sind 1938 mit einem Zug von Berlin nach Triest gefahren, dort hat das Schiff abgelegt. Ich erinnere mich, dass ich entweder im Zug oder auf dem Schiff in der oberen Etage geschlafen habe. In einer Art Koje, vielleicht in der fünften Klasse (lacht …). Wir sind an Rosch Haschana 1938 an Land gegangen. Warum weiß ich das? Weil der Hafen in Haifa am jüdischen Neujahrsfest geschlossen war, aber die Engländer fanden ein Schiff voller Juden zu gefährlich, und sie haben alle angewiesen, das Schiff zu verlassen. Mein Vater und meine Mutter haben ein Taxi genommen, und der Taxifahrer hat sie reingelegt und ein paar Runden von der Ir Tachtit (Unterstadt) bis Hadar Hair gedreht, die Fahrt dauerte fast eine Stunde. An der Ecke........

© Juedische Allgemeine


Get it on Google Play