Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen |
07. Mai 2026 – 20. Ijar 5786
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Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen
Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor
07.05.2026 13:57 Uhr
Philipp Peyman Engel, ChefredakteurManchmal sind die Geschichten hinter den Texten viel spannender als die Texte selbst. Unvergesslich für mich der Moment im Bundeskanzleramt, als der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), fünf Tage vor seiner Abwahl, die Kollegin Mascha Malburg und mich während unseres Interviews mit ihm aus dem Kanzleramt schmeißen wollte. Dem hypernervösen Kanzler, der in diesem Moment so gar nichts mehr vom technokratischen »Scholzomaten« hatte, waren die Fragen nicht genehm.
Selbiges drohte uns der cholerische damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel während eines Interviews zum 150. Geburtstag seiner Partei und ihrer jüdischen Wurzeln an. Wir haben in beiden Fällen natürlich dagegengehalten. Und dachten gar nicht daran, das Feld zu räumen.
Ein Highlight anderer Art und Weise war das Gebaren des Chefs einer Jüdischen Gemeinde in Berlin, dem nachgesagt wird, ebenso kleptokratisch wie undemokratisch zu sein, und der sich nur dank »gelenkter« Wahlen seit Jahren an der Spitze halten kann. Ein Interview mit ihm verlief dennoch erstaunlich offen und streitbar.
Anscheinend zum Ärger seines Pressechefs, der bei der Autorisierung des Interviews – ich übertreibe nicht – nahezu jeden Satz seines Vorgesetzten strich und durch komplett neue Aussagen ersetzte. Das Interview ist nie erschienen. Auf weitere Gespräche mit dem Gemeindechef verzichteten wir.
Apropos organisierte Kriminalität: Nur im Rückblick und mit viel Abstand ein bisschen lustig war das Versäumnis unserer Zeitung, bei der Berichterstattung über den Millionenraub eines großen arabischen Clans aus Berlin die Gesichter der Täter nicht verpixelt zu haben. Ein journalistisches Versagen – und ein sehr teures obendrein. Hoffen wir, dass der Clan unser Geld in gesetzeskonforme Unternehmen investiert hat.
Trotz allem und gerade deswegen: Es gibt wohl keinen Job auf dieser Welt, der so spannend, faszinierend, befriedigend – aber auch so hart und unmöglich – ist wie der des Zeitungsmachens. Davon sind wir, die Redakteure und die Autoren der Jüdischen Allgemeinen, fest überzeugt. Jede Ausgabe ist ein kleines Wunder. Oder mit dem genialen Komiker Karl Valentin ausgedrückt: »Es ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genau so viel passiert, wie in eine Zeitung passt.«
Eine gute Zeitung sollte, nach bestem Wissen und Gewissen, schreiben, was ist. Abbilden. Einordnen. Kommentieren. Aber auch unterhalten, Spaß machen und überraschen. Seien Sie sich sicher, liebe Leserinnen und Leser, dafür geben wir alles. Und versprochen: Bei unserer geplanten Reihe »Die Jüdische Allgemeine trifft ihre Leser« werden wir auf Wunsch noch viele weitere Geschichten hinter den Geschichten mit Ihnen teilen.
Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland
Herzenstexte auf gedrucktem Papier
Unsere Autorin begann beim Fernsehen, war lange Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt heute für die Jüdische Allgemeine. Eine Liebeserklärung
Mit Papier, Schere und Klebestift
Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde
Tobias Kühn, Stellvertretender ChefredakteurAls ich 2001 zur Jüdischen Allgemeinen kam, war die Zeitung gerade einmal 55 Jahre alt. Heute bin ich der Dienstälteste in der Redaktion und inzwischen stellvertretender Chefredakteur. In dieser Funktion koordiniere ich vor allem die Arbeit der Redaktion und halte die redaktionellen Abläufe zusammen. Ich sorge dafür, dass die Redakteurinnen und Redakteure gut arbeiten können und die Zeitung zum Redaktionsschluss pünktlich fertig wird. Nur selten komme ich noch selbst zum Schreiben. Umso mehr bedeutet es mir, dass ich die Seite 3 mit ihren ganzseitigen Reportagen und Porträts betreue – und gelegentlich doch noch selbst eine Reportage schreibe, etwa über ein skurriles Denkmal in Wien oder einen Rabbiner, der koscheren Wein produziert. Es sind diese Momente draußen, das Beobachten und anschließende Erzählen, die mich antreiben. Jene Form des Erzählens hat mich einst in diesen Beruf gelockt – Texte, die den Blick festhalten, genauer hinschauen lassen und den Leser für einen Moment aus dem Takt des Alltags lösen.
Bettina Piper, TextchefinIch hatte schon immer eine Schwäche für Sprache und Schrift. Bereits in sehr viel jüngeren Jahren ließ ich mich während der Schullektüre oder beim Lesen eines spannenden Romans von Buchstabendrehern oder einem falschen Satzzeichen ablenken und fragte mich, ob sich der Autor wohl darüber ärgern würde. Als Studentin besuchte ich zum ersten Mal Israel und traf auf der Jerusalemer Buchmesse Jehuda Amichai, Ruth Klüger und Tim Gidal. Dann kam eins zum anderen. Nach meiner Tätigkeit in Lektorat und Presse bei verschiedenen Verlagen kam ich zur Zeitung – die Jüdische Allgemeine feierte gerade ihr 60-jähriges Bestehen. Anfangs noch die Korrektorin, die mit Rotstift auf Papierfahnen hantierte und die Redakteurinnen und Redakteure mit ihrer Hartnäckigkeit und dem Hang zur Perfektion nervte, bin ich heute Textchefin des Blattes. In dieser Funktion ist es vor allem meine Aufgabe, sprachlich aus jedem Satz, Wort und Buchstaben das Beste herauszuholen. Wenn ich Zeit finde, eigene Beiträge zu schreiben, beschäftige ich mich gern mit Themen aus Kunst und Kultur. Hinzu kommt die redaktionelle Verantwortung für die deutsch-russische »JA kompakt«, die aufgrund unterschiedlicher inhaltlicher und gestalterischer Schwerpunkte eine schöne Abwechslung zum »Alltagsgeschäft« ist.
Sophie Albers Ben Chamo, Redakteurin (Jüdische Welt)Zuerst wollte ich Archäologin........