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Der Visionär

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19.09.2021

Meine Mutter stammt von usbekisch-bucharischen Juden ab, und mein aschkenasischer Vaters hat polnisch-deutsche Wurzeln. Ich bin in Holon geboren, das liegt südlich von Tel Aviv. Wie viele Jugendliche stand auch ich nach dem Abitur vor der Frage, wie es weitergehen soll.

Viele meiner Freunde bescheinigten mir ein Talent für Sprachen, aber was konnte jemand damit anfangen, der keine Zukunft als Dolmetscher anstrebt? Ich konnte mir allerdings vorstellen, in den diplomatischen Dienst zu gehen. Dafür aber brauchte man entweder gute Beziehungen, oder man hatte etwas anzubieten, was nicht bei jedem zweiten Bewerber in der Vita steht.

studium Zunächst studierte ich Politische Wissenschaften an der Bar Ilan, einer religiös-zionistischen Universität in Ramat Gan. Der Abschluss attestierte mir keine spezielle Befähigung, stellte aber die Voraussetzung für eine Bewerbung im Außenministerium dar. Plötzlich waren Sprachen wichtig, also außer dem Englischen, was ohnehin jeder spricht, zumindest von denen, die Diplomaten werden wollen. Viele Uni-Absolventen lernten inzwischen Chinesisch. Das würde schon bald auch kein Alleinstellungsmerkmal mehr sein.

Also überlegte ich gegen Ende meines Studiums, wie es mit Deutsch wäre. Das ist eine Sprache, die in bestimmten Kreisen in Israel und sicher auch bei vielen Bewerbern für den diplomatischen Dienst nicht sehr beliebt ist, dachte ich. Allerdings drückte ich zum Erlernen dieser Sprache keine Schulbank – ich ging nach Deutschland.

Nach dem Attentat auf die Synagoge in Halle stellte ich meinen Videoblog über Israel ein.

Es war Zufall, dass ich beim Zappen im Internet auf ein Jobangebot in Deutschland stieß. Ohnehin hatte ich erwogen, nach dem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu machen, warum also nicht in Deutschland? Darum ging es nämlich in dieser Anzeige. So würde ich die Sprachkenntnisse quasi »learning by doing« erwerben. Vielleicht konnte ich ja in Deutschland an einer konsularischen Vertretung Israels einen Job finden, der mir die Möglichkeit gab, ein wenig ins diplomatische Geschäft hineinzuschnuppern. So weit meine........

© Juedische Allgemeine


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