Auf Entdeckungsreise |
Vor vielen Jahren überreichte mir meine Schwiegermutter einen Band mit Gedichten Gertrud Kolmars. Ich begann, ihre Gedichte intensiv zu lesen, und kam nicht davon los. Mir begegneten darin wundervolle, dichte Bildwelten, von denen ich zunächst kaum etwas verstand und die mich dennoch mitrissen. Aber der Reihe nach.
Ich wurde Mitte der 50er-Jahre in einem kleinen Dorf bei Goslar geboren. Mit 19, nach dem Abitur, ging ich zum Studium nach Berlin. Die Stadt war noch von der Mauer eingegrenzt. Damals, in den 70er-Jahren, herrschte dort eine sehr besondere Stimmung. An der Freien Universität (FU), wo ich Neuere deutsche Literatur, Soziologie und Politische Wissenschaften studierte, war alles hochpolitisch, und ich verbrachte viele Stunden mit endlosen Versammlungen und Diskussionen über den richtigen politischen Weg. Das war manchmal zermürbend und zugleich sehr anregend. So vieles schien zu jener Zeit möglich, und wir glaubten fest daran, dass es uns gelingen kann, eine bessere Welt zu gestalten.
In Berlin machte ich das erste wissenschaftliche Staatsexamen, später das zweite für das Höhere Lehramt und ging im Anschluss für ein Jahr als deutsche Sprachassistentin nach Rom, wo ich mich sehr wohlfühlte und auch gern geblieben wäre, wenn ich eine angemessene Arbeit gefunden hätte. Das aber erwies sich als schwierig, und so kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich entschied mich für Hamburg, denn ich wollte nicht mehr von einer Mauer umgeben sein.
Ich wollte Gertrud Kolmar, diese besondere Dichterin, wieder sichtbar machen.
In Hamburg fand ich schnell eine Tätigkeit in der Erwachsenenbildung im Bereich Ausländerarbeit und Deutschunterricht. Vor allem aber lernte ich meinen Mann Michael kennen, womit ein ganz neuer Lebensabschnitt für mich begann. Mit Michael betrat ich die Welt des Judentums, die mir........