»Ich fühle mich alleingelassen« |
Carolin Bohl war eine junge Deutsche aus Niedersachsen, die in Berlin studierte. Am 7. Oktober 2023 wurden sie und ihr israelisch-britischer Freund Danny Darlington im Kibbuz Nir Oz von Hamas-Terroristen brutal ermordet. Carolin war eine von mehreren deutschen Staatsbürgern, die an diesem Tag getötet wurden – und doch wurde ihr Name in der deutschen Öffentlichkeit kaum erwähnt. Im Interview spricht ihre Mutter Sonja Bohl-Dencker über den Verlust, das Schweigen der Gesellschaft und ihren Wunsch, dass Carolin nicht vergessen wird.
Frau Bohl-Dencker, wie geht es Ihnen heute – fast zwei Jahre nach Ihrem unfassbaren Verlust?
Schlecht! Ich vermisse Carolin so sehr. Es ist kaum auszuhalten. Natürlich gibt es bessere und schlechtere Tage. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch mal Tage geben wird, an denen ich sagen kann, dass ich glücklich bin. Trotz der unermesslichen Trauer kann ich mich aufraffen, in Gang zu bleiben, Dinge zu erledigen. Ich habe meine Hunde, um die ich mich kümmern muss, ich arbeite einige Stunden in der Woche, engagiere mich nach wie vor ehrenamtlich. Aber alles kostet deutlich mehr Kraft als früher. Am Abend bin ich sehr erschöpft. Trotzdem kann ich häufig schlecht schlafen, besonders in Phasen, die in Zusammenhang mit emotional zusätzlich belastenden Ereignissen stehen (zum Beispiel am Geburtstag von Carolin oder an ihrem Todestag). Mein Mann ist mir eine große Stütze. Aber er ist beruflich sehr viel unterwegs. Daher ist es gut, dass wir die Hunde haben. Dann bin ich nicht allein und muss mich kümmern, egal wie ich mich fühle.
Was wissen Sie über die letzten Stunden Ihrer Tochter? Gibt es Dinge, von denen Sie denken, dass unsere Leser in Deutschland sie erfahren sollten?
Carolin und ich hatten ein sehr enges Verhältnis. Wenn es Probleme gab, hat sie sich sofort bei mir gemeldet. So auch am 7. Oktober 2023 um 6.16 Uhr (deutsche Zeit). Sie schrieb auf WhatsApp: »Hey mum, wenn du das liest, bleib ganz ruhig.« »Wir sind gestern doch nicht nach Tel Aviv gefahren, sondern im Kibbuz geblieben.« »Jetzt ist tatsächlich ein Krieg ausgebrochen.« »Aber wir sind im Bunker.« Ich bin natürlich nicht ruhig geblieben, hatte mir aber zunächst keine ganz großen Sorgen gemacht. Ich war selbst im Urlaub und am Packen, da wir früh los wollten. Erst im Auto habe ich nachschauen können, was geschehen ist, und habe die schlimmen Nachrichten gesehen. Ich wurde immer unruhiger, habe aber noch nicht gewusst, wie dramatisch die Lage ist. »Bunker« hörte sich für mich, die bisher noch keinerlei Kontakte zu Israel hatte, sicher an. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich mir sofort ganz andere Sorgen........