Palantir: Tech-CEO verfällt in Größenwahn – und schreibt schräges Manifest
Es gibt Firmen, die schreiben Quartalszahlen. Und es gibt Firmen, die schreiben sich eine Weltanschauung. Palantir zum Beispiel. Der Daten- und Geheimdienst-Dienstleister, einst mitfinanziert von der CIA, hat das jüngste Buch seines Chefs Alex Karp (The Technological Republic) zweitverwurstet.
Aus den krausen Gedanken des kraushaarigen Multimilliardärs wurde ein 22 Punkte umfassendes Manifest destilliert. Das Unternehmen, dessen Software für „Zielauswahl, Missionsplanung und Satellitenaufklärung“ bei US- und alliierten Diensten genutzt wird, vulgo: also auch fürs digital getriebene Töten auf dem Schlachtfeld, tritt darin nicht als Auftragnehmer des Staates auf. Sondern als dessen philosophischer Vormund. Als Instanz hoch über den Parlamenten und demokratischen Institutionen angesiedelt. Darüber kommt mutmaßlich nur noch der liebe Gott. Oder Peter Thiel, der Antichrist. Aber das ist eine Geschichte für eine andere Kolumne.
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Palantir: Interessen der Firma und der USA „grundsätzlich deckungsgleich“, sagt Alex Karp
Man kann das säkulare Evangelium von St. Karp als überkandidelten Werbetext lesen und den Kopf schütteln. Man sollte es viel ernster nehmen. Hier spricht kein Außenseiter, sondern der Chef eines Unternehmens, das tief in die Infrastruktur staatlicher Macht verwoben ist, auch in einigen deutschen Bundesländern.
Karp behauptet offen, die Interessen seiner Firma und die der Vereinigten Staaten seien „grundsätzlich deckungsgleich“. Der Satz markiert die eigentliche Verschiebung: Nicht mehr nur Technologie liefern, sondern politische Deutungshoheit beanspruchen. Die problematischsten Punkte des Manifests zeigen, wohin das führt.
Silicon Valley: „moralische Schule“ gegenüber dem Weißen Haus
Erstens wird Silicon Valley, der Ideenschmiede für die digitale Welt, eine „moralische Schuld“ gegenüber dem Staat attestiert; die Ingenieurelite habe die Pflicht, an dessen Verteidigung mitzuwirken. Das klingt nach Verantwortung, ist aber eine Selbstermächtigung. Nicht gewählte Institutionen definieren hier den öffentlichen Auftrag, sondern private Akteure.
Zweitens wird Demokratie funktional umgedeutet. „Die Fähigkeit freier Gesellschaften, sich durchzusetzen, verlangt harte Macht – und harte Macht wird auf Software gebaut.“ Demokratie erscheint hier nicht mehr als Verfahren des mühseligen Ausgleichs von Interessen, sondern als Legitimation für die Durchsetzung, die Geld und Macht besitzen.
Palantir: Die Frage ist nicht, ob, sondern von wem KI-Waffen gebaut werden
Drittens erklärt das Manifest, die Frage sei nicht, ob KI-Waffen gebaut würden, sondern von wem. Gegner (Karp denkt wohl an China) würden sich nicht mit „theatralischen Debatten“ aufhalten. Das Argument ist bekannt: Alternativlosigkeit ersetzt Abwägung. Wer widerspricht, wirkt naiv.
Viertens fordert Palantir einen allgemeinen Nationaldienst. Ein Unternehmen, das von sicherheitspolitischer Nachfrage lebt, entdeckt die Tugend kollektiver Pflichten. Ökonomisches Interesse und politische Forderung gehen eine Symbiose ein.
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Palantir-Chef Karp hält Entmilitarisierung Deutschlands und Japans nach 1945 für einen Fehler
Fünftens kippt der Text ins Ideologische. Die militärische Kastration Deutschlands und Japans nach 1945 wird als Fehler bezeichnet. Vulgo: Massive Wiederaufrüstung sei notwendig. Zugleich werden Kulturen hierarchisiert: einige fortschrittlich, andere „dysfunktional“ oder sogar schädlich. Das ist keine sicherheitspolitische Analyse mehr, sondern ein normatives Ranking der Welt.
Was erlaube Karp, würde Trappatoni jetzt rufen? Antwort: „Realismus“. Frieden, schreibt der Mann, der seine Gedankenwelt als Student am Main an der Frankfurter Schule schärfte, entstehe nur aus glaubwürdiger Drohung. Die Welt sei gefährlich, der Westen müsse schneller und härter werden. KI-getriebene Militärtechnik erscheint ihm dabei als moralische Pflicht.
USA: KI-Unternehmer formuliert „Philosophie der Enthemmung“
Genau hier beginnt die Gefahr. Sie liegt nicht darin, dass ein von Hybris getränkter Unternehmer reaktionäre Sätze sagt. Sondern darin, dass ein Unternehmer, der Überwachungs-, Analyse- und Militärsoftware für staatliche Machtapparate liefert, eine Philosophie der Enthemmung formuliert: weniger Skrupel, weniger Widerspruch, weniger Debatte, mehr Entschluss, mehr Härte, mehr Exekutive.
Das ist die Verfassung der Techno-Oligarchie in Reinform. Demokratie erscheint darin als zu langsam, zu sentimental, zu streitsüchtig. An ihre Stelle soll eine Allianz aus Staat, Militär und technischem Kapital treten – geführt von Tech-Oligarchen, die vor Sendungsbewusstsein kaum laufen können. Die Denkschule heißt Muskismus. Benannt nach dem Mann im Mars (in spe).
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Die Unbekümmertheit, mit der Karp seine Kampfansage an die Demokratie vorträgt, muss westliche Regierungen alarmieren. Er spricht wie jemand, der die Republik retten will, indem er sie wie einen Bulldozer plattmacht. Er verteidigt nicht den demokratischen Prozess, sondern dessen Abwicklung. Die Bürger sollen sich dieser Logik am besten ehrfürchtig fügen. Techniker denken. Software entscheidet. Die Nation gehorcht. Sage niemand, wir wären nicht gewarnt gewesen. Europa muss Palantir & Co. schleunigst den Stecker ziehen.
