Carsten Schneider, Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland

© Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Einmal im Jahr erscheint der Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit. 2022 sieht dieser Bericht anders aus als sonst. Das hat Gründe - und zwar gute Gründe, kommentiert Markus Decker.

Markus Decker

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung versucht in diesem Jahr mal etwas Neues. Das wurde auch höchste Zeit. Statt wie üblich kurz vor dem 3. Oktober einen Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit abzugeben, der auflistet, wo die gar nicht mehr neuen Bundesländer bald 33 Jahre nach dem Fall der Mauer unverändert hinterherhinken, ändert Carsten Schneider die Perspektive. Der Sozialdemokrat wehrt sich dagegen, dass der Westen als nicht hinterfragbarer „Vergleichsmaßstab“ dient. Er schreibt: „Das vereinte Deutschland ist heute kein ‚Westdeutschland plus‘, sondern ein vollständig neues Land.“ Das ist, um in Schneiders Vokabular zu bleiben, „auch gut so“. Zugleich hat der Ostbeauftragte Gastautoren eingeladen, ihrerseits einen Blick auf die Verhältnisse zu werfen. Da geht es zum Beispiel um Fußball. Das wirkt erfrischend und weckt Neugier.

Nur, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

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Richtig ist, dass die Jahresberichte zuletzt wenig Nutzen und viel Schaden anrichteten. Im besten Fall waren sie langweilig und wurden übersehen. Eben weil der Westen stets Vergleichsmaßstab war, konnte er sich bequem zurücklehnen, während der Osten unter dieser Sichtweise litt, die Minderwertigkeitsgefühle und damit Zorn produziert. Dabei sind die Jahre seit der Wiedervereinigung eine gesamtdeutsche Geschichte. Das gilt zum Beispiel für die Besitzverhältnisse – oder die Elitenbildung. Dass zahlreiche Immobilien in Leipzig oder Erfurt Westdeutschen gehören und selbst ostdeutsche Spitzenposten oft nicht von Ostdeutschen besetzt werden, geht beide Landesteile etwas an. Westdeutsche müssen begreifen, dass ihre Dominanz auch ein Problem ist.

Richtig ist ferner, dass sich in Teilen Ostdeutschlands ökonomisch etwas tut. Ein gravierendes Defizit der Einheit besteht ja darin, dass die meisten Konzernzentralen im Westen stehen. Mit den Ansiedlungen von Tesla in Brandenburg und Intel in Sachsen-Anhalt ändert sich das jetzt womöglich grundlegend.

Wie bereits im vergangenen Jahr gehen besonders im Osten jeden Montag die Menschen auf die Straße. Der Protest gegen Energiepreisschocks und Russland-Sanktionen umfasst auch die Mitte der Gesellschaft. Rechtsextreme wittern ihre Chance.

Allerdings muss man auch darüber sprechen, dass der rechte Extremismus in anderen Teilen Ostdeutschlands wie Sachsen oder Thüringen alarmierend voranschreitet. Hier wie da liegt die AfD in Umfragen vorn. Die Linke möchte vom süßen Gift des Populismus ebenfalls nicht lassen. Und über die Russland-Politik des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer hat sein CDU-Parteifreund Marco Wanderwitz den erschütternd zutreffenden Satz gesagt: „Er agiert wie ein Geisterfahrer, der glaubt, nicht er, sondern alle anderen würden in die falsche Richtung fahren.“

Nicht Fremd-, sondern Selbstkritik diesseits und jenseits der ehemaligen Mauer – das brauchen wir. Dabei ist Carsten Schneiders Perspektivwechsel von Nutzen. Dass die Westdeutschen wie Nachhilfelehrer erscheinen, die sich zu den ostdeutschen Nachhilfeschülern hinunter beugen, hilft niemandem.

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Einheitsbericht: Notwendiger Perspektivenwechsel

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28.09.2022

Carsten Schneider, Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland

© Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Einmal im Jahr erscheint der Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit. 2022 sieht dieser Bericht anders aus als sonst. Das hat Gründe - und zwar gute Gründe, kommentiert Markus Decker.

Markus Decker

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung versucht in diesem Jahr mal etwas Neues. Das wurde auch höchste Zeit. Statt wie üblich kurz vor dem 3. Oktober einen Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit abzugeben, der auflistet, wo die gar nicht mehr neuen Bundesländer bald 33 Jahre nach dem Fall der Mauer unverändert hinterherhinken, ändert Carsten Schneider die Perspektive. Der Sozialdemokrat wehrt sich dagegen, dass der Westen als nicht hinterfragbarer „Vergleichsmaßstab“ dient. Er schreibt: „Das vereinte........

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