Eine Protestaktion: Die "Letzte Generation" überzog die FDP-Zentrale in Berlin mit Farbe.

© Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Die Klimaschützer von der „Letzten Generation“ geraten zunehmend unter Druck. Das ist kein Wunder. Denn sie verlieren sich in Hybris und nutzlosem Märtyrertum, kommentiert Markus Decker.

Markus Decker

Ein prominenter Grüner stöhnte am Freitag hörbar auf. „Sie haben ein berechtigtes Anliegen, und sie fahren dieses Anliegen an die Wand“, sagte er über die Klimaaktivisten von der „Letzten Generation“. „Alle reden übers Kleben und niemand übers Klima.“ Auch Parteichefin Ricarda Lang und Vizekanzler Robert Habeck gingen auf Distanz, und das öffentlich. Dass sich die Wege von Klimaschutzbewegung und Klimaschutzpartei auf so dramatische Weise trennen, ist ein Alarmsignal.

Gewiss, unter die Empörung über die „Letzte Generation“ mischt sich viel Heuchelei. Man legt ihr den Tod einer Berliner Radfahrerin zur Last, die von einem Lkw überrollt worden war. Dabei hat eine Notärztin zu Protokoll gegeben, dass nicht die Blockade der „Letzten Generation“ die Rettung der 44-Jährigen verhindert hat. Was als Trauer über das Unglück daherkommt, ist in Teilen ohnehin nichts anderes als eine unerträgliche Instrumentalisierung.

Mehr zum Thema

Freilich braucht auch die „Letzte Generation“ Akzeptanz. Und die untergräbt sie systematisch selbst. Zwar hatte deren Sprecherin nach dem Unfall zunächst erklärt, man könne „nicht ausschließen, dass die Verspätung des Rüstwagens auf einen durch uns verursachten Stau zurückzuführen ist“. In einer Mitteilung vom Freitag folgte jedoch pauschale Kritik an der Berichterstattung: „Dass ein ganzes Mediensystem sich gegen uns wenden würde, damit haben wir nicht gerechnet.“ Das klang schon fast wie der Mainstreammedien-Vorwurf aus dem AfD-Milieu.

Auch derlei Gegenwind werde die Aktivisten allerdings „nicht davon abbringen, das einzig moralisch Richtige zu tun“. Der „Widerstand“ gehe weiter.

Wenige Tage nach dem Unfall mit einem Betonmischer in Berlin ist die lebensgefährlich verletzte Radfahrerin für tot erklärt worden.

© Quelle: dpa

Zu allem Überfluss lud die „Letzte Generation“ die Spitzen der Ampelregierung noch zu einem konkreten Termin ein, um über konkrete Klimaschutzmaßnahmen wie ein Tempolimit oder ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket zu „verhandeln“ – als wäre sie dazu irgendwie legitimiert. In all dem drückt sich eine ungeheure Hybris aus, ein Tunnelblick, der links und rechts nichts mehr wahrnimmt, ein Realitätsverlust. Und ein Mangel an Professionalität.

In der Sache hat die „Letzte Generation“ völlig recht. Dass ihre Mitglieder persönliche Opfer bis hin zum Polizeigewahrsam in Kauf nehmen, verdient Respekt. Aber das Ziel einer Protestbewegung muss ja sein, mehr Menschen von der Richtigkeit des als richtig Erkannten zu überzeugen. Dieses Ziel wird dramatisch verfehlt. Übrig bleibt bloßes Märtyrertum, das den Wenigen schadet und den Vielen nicht hilft.

QOSHE - Die „Letzte Generation“ hat recht - und verrennt sich trotzdem - Markus Decker
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Die „Letzte Generation“ hat recht - und verrennt sich trotzdem

4 0 0
05.11.2022

Eine Protestaktion: Die "Letzte Generation" überzog die FDP-Zentrale in Berlin mit Farbe.

© Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Die Klimaschützer von der „Letzten Generation“ geraten zunehmend unter Druck. Das ist kein Wunder. Denn sie verlieren sich in Hybris und nutzlosem Märtyrertum, kommentiert Markus Decker.

Markus Decker

Ein prominenter Grüner stöhnte am Freitag hörbar auf. „Sie haben ein berechtigtes Anliegen, und sie fahren dieses Anliegen an die Wand“, sagte er über die Klimaaktivisten von der „Letzten Generation“. „Alle reden übers Kleben und niemand übers Klima.“ Auch Parteichefin Ricarda Lang und Vizekanzler Robert Habeck gingen auf Distanz, und das öffentlich. Dass sich die Wege von Klimaschutzbewegung........

© HAZ


Get it on Google Play