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Der Kanzler mit dem Filetiermesser

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14.02.2026

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserem Blick auf die Themen, die uns in der vergangenen Woche am meisten beschäftigt haben. Diesmal melde ich mich aus München.

Die Münchner Sicherheitskonferenz war nie nur ein Treffen von Diplomaten in dunklen Anzügen und Militärs in Uniform. Sie ist Bühne, Tribunal, und fast immer ein Seismograf der Weltpolitik.

Die Münchner Sicherheitskonferenz war nie nur ein Treffen von Diplomaten in dunklen Anzügen und Militärs in Uniform. Sie ist Bühne, Tribunal, und fast immer ein Seismograf der Weltpolitik.

2003 stand Joschka Fischer im Bayerischen Hof und sagte: „I am not convinced.“ Vier Worte gegen den Irakkrieg der USA. Deren Vertreter fühlten sich brüskiert.

Jahre später formulierte Wladimir Putin eine Kampfansage an die USA, gegen Mittelstreckenraketen in Europa, gegen die Nato-Osterweiterung. 2015 legte sein Außenminister Sergej Lawrow nach und wetterte über 25 Jahre „amerikanischer Obsession“.

Und dann das vergangene Jahr: J.D. Vance, amerikanischer Vizepräsident, rüttelt am Fundament des transatlantischen Selbstverständnisses, zweifelt an der Meinungsfreiheit in Deutschland und kritisiert den Umgang mit der AfD. Eine verbale Ohrfeige.

In diesem Jahr ist es Friedrich Merz, der sich in diese Reihe legendärer Auftritte einreiht. Kein Donnern, kein Pathos. Sondern eine ruhige, präzise Abrechnung mit der Regierung Trump, wie ein glatter Schnitt mit einem scharfen Filetiermesser.

Er sprach von einer „Kluft“ zwischen Deutschland und den USA, distanzierte sich vom Kulturkampf der MAGA-Bewegung und von der erratischen Zollpolitik des Weißen Hauses. Und er fügte hinzu: „Lasst uns das transatlantische Vertrauen gemeinsam reparieren.“

Das war kein Bruch. Aber es war auch keine Beschwichtigung. Es war die Kunst, Kritik so zu formulieren, dass sie als so schwerwiegend wahrgenommen wird, wie sie gemeint ist. Und doch nicht wie eine endgültige Abkehr klingt.

Am Samstagmorgen wird US-Außenminister Marco Rubio sprechen. Wird er kontern? Wird er beschwichtigen? Oder wird er schweigen zu dem, was Merz so klar benannt hat?

Das Handelsblatt ist mit einem großen Team in München, die Kolleginnen und Kollegen im Newsroom beobachten von Düsseldorf aus die Lage. Eine Lage, die schon jetzt historisch ist. Hier geht es zum Liveblog.

Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:

1. Einst verspottete Donald Trump ihn als „Kleiner Marco“, dann wurde er einer der wichtigsten Berater des US-Präsidenten. Marco Rubio gilt als derjenige, der Trump bisweilen von den größten Abwegen abbringt, aus Sicht vieler Europäer ist er das freundliche Gesicht der Trump-Administration. Lesen Sie das Porträt über den wichtigsten US-Vertreter auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

2. Ebenso lang ist’s her, als der Rüstungsbranche ein gewisses Schmuddelimage anhaftete. Heute inszenieren sich Firmen wie Tytan Technologies und Quantum Systems zwischen Cocktails und House-Musik. Sie sollen das Land unbedingt abwehrbereit machen. Doch Kritiker sagen, der Bund bremse den Aufstieg der Verteidigungs-Start-ups aus – und vergebe Großaufträge vor allem an etablierte Konzerne. Über das Ringen um Marktanteile und die Profiteure im Rüstungsboom lesen Sie hier.

3. Ein Ergebnis des Booms kann man in Süddeutschland betrachten, der genaue Ort soll geheim bleiben: Dort produzieren Deutsche und Ukrainer gemeinsam hochmoderne Drohnen für den Fronteinsatz. Gestern haben der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius das Joint Venture von Quantum Systems und dem ukrainischen Unternehmen Frontline Robotics besucht. Mein Kollege Frank Specht war dabei.

4. Open Claw krempelt unsere Welt um: Während Chatbots wie ChatGPT Text produzieren, uns effizienter machen und auch mal das Denken abnehmen, können Agentenprogramme handeln: E-Mails schreiben, Telefonate führen, Verträge verhandeln. In unserer Titelgeschichte zum Wochenende schreiben wir, warum die KI-Agenten ausgerechnet jetzt „erwachen“, wie sie Softwareunternehmen unter Druck setzen und Menschen nur noch zuschauen. Einerseits.

Andererseits schreiben wir über die gewaltigen Risiken der vermeintlichen Revolution. Über Berufseinsteiger, die keinen Job mehr finden. Über Expertenstimmen, die fürchten, die KI könne ein Bewusstsein entwickeln. Zum Schluss dieses Absatzes noch ein Hinweis: Unser Co-Teamleiter des Technologieressorts, Stephan Scheuer, hat Open Claw im Selbstversuch getestet – damit Sie es nicht tun müssen. Seinen Text finden Sie hier.

5. Und was sagt der Erfinder dieses revolutionären wie umstrittenen Projekts? Eigentlich hatte Peter Steinberger der Technologieszene vor drei Jahren den Rücken gekehrt und nur noch nebenbei programmiert. Nun wurde sein Hobby namens Open Claw zu einem der beliebtesten Codes der Szene. Über die Entstehung seiner faszinierenden KI-Agenten hat Steinberger im Interview mit Lina Knees gesprochen.

6. Es klingt unmöglich wie genial: Der Düsseldorfer Projektentwickler, Uwe Reppegather, legte mit seinem Unternehmen für Luxusimmobilien eine Milliardenpleite hin – aus der er phoenixgleich wieder aufstieg. Nicht alle, die mit ihm in der Vergangenheit zu tun hatten, goutieren das mit Wohlwollen. „Wer dem Centrum-Chef 10.000 Euro lieh, sah nur 72 Euro wieder“, schreiben René Bender, Sönke Iwersen und Michael Verfürden in ihrer spannenden Geschichte über den schillernden „Wolf of High Street“.

7. Schöpferische Selbstzerstörung? Die Aktien der US-Tech-Konzerne rauschten zuletzt in die Tiefe. Doch Microsoft, Amazon und Co. investieren munter weiter. Anleger fürchten, die Milliardensummen für Künstliche Intelligenz könnten ins Irrationale kippen, mehr Fantasieprodukt als Umsatztreiber sein. Im Silicon Valley verweist man derweil auf wachsende Cloud-Geschäfte und einen Wettlauf um Territorium. Wie Big Tech seine KI-Wette begründet.

8. Die Waymo-Revolution: Der wichtigste Robotaxi-Anbieter der Welt kommt nach Europa – und setzt dabei ausgerechnet auf Autos aus China. Doch Unfälle in Kalifornien und die US-Behörden setzen das Unternehmen unter Druck. Unsere Korrespondenten Philipp Alvares de Souza Soares und Sabine Gusbeth darüber, wie Waymo Zölle umgeht, warum die amerikanisch-chinesische Kooperation politisch riskant ist – und weshalb der Innovationsvorsprung bröckeln könnte.

9. „Etwas zu erschaffen, das ist ein gottähnlicher Prozess“, sagt der Kunstmäzen und Unternehmer Christian Boros. Mit seiner Agentur berät er Konzerne wie Coca-Cola und UBS. Wer seinen Berliner Kunstbunker besuchen wolle, sagt Boros, müsse auch mal mit Schlangen wie vor dem Berghain rechnen.

Was ihn die Kunst über Business gelehrt hat, und warum Unternehmer seit den Medici Inspiration in ihr suchen, lesen Sie im Porträt von Benjamin Ansari, der Boros in Berlin getroffen hat.

Ich wünsche Ihnen ein inspirierendes Wochenende.

Bleiben Sie zuversichtlich!


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