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Bleiben oder gehen – Typologie der Rücktritte

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11.06.2021

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

unsere Gesellschaft fordert, bejubelt, belohnt Leistungsnachweise. Und deshalb beginnt bei Pannen, Pech und Patzern die ganz große Nervosität. Wir sehen das aktuell bei mehreren Fast-Rücktrittsfällen. Eine Typologie.

Da ist der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der nach den vielen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche abtreten wollte. Papst Franziskus bat ihn, zu bleiben – ein „inakzeptabler Rücktritt“ also. Ungläubige denken aber, es könne ein „inszenierter Nicht-Rücktritt“ sein.

Anders verhält es sich beim Kölner Kollegen Kardinal Rainer Maria Woelki. Der Kardinal macht weiter, obwohl mittlerweile päpstliche „Visitatoren“ sein mögliches Missbrauch-Versagen detektivisch prüfen. Das ist der „ignorierte Rücktritt“.

Alfons Hörmann wiederum, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, hat für September eine Vertrauensfrage angesetzt. Der anonyme Brief eines Insiders schildert ein „Klima der Angst“ in der Verbandszentrale, die Ethikkommission riet daraufhin zu Neuwahlen. Klarer Fall von „vertagtem Rücktritt“.

Bei der Linken wiederum haben Genossen ein Parteiausschlussverfahren gegen die unbotmäßige, weil freidenkende Sahra Wagenknecht beantragt, die Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen. Ein Name für dieses Genre? „Stalinistischer Rücktritt“.

In der Kunst des „strategischen Rücktritts“ wiederum übte sich Franziska Giffey. In Antizipation des Verlusts ihres Doktortitels gab sie das Amt der Bundesfamilienministerin auf und stürzte sich – qua Läuterung angeblich moralisch imprägniert – auf die Aufgabe, Regierende Bürgermeisterin Berlins zu werden. Die FU Berlin erklärt übrigens, ihr akademischer Grad sei durch „Täuschung über die Eigenständigkeit ihrer wissenschaftlichen Leistung“ zustande gekommen.

Und schließlich gibt es noch den........

© Handelsblatt


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