EU und Internetsicherheit: Schutzschild mit Schwächen
EU und Internetsicherheit: Schutzschild mit Schwächen
Stand: 15.04.2026, 17:16 Uhr
Von: Sven Christian Schulz
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Eine App der EU soll Kinder und Jugendliche im Netz besser schützen. Die digitale Prüfung des Alters ist kein Wundermittel.
Europa muss Kinder und Jugendliche besser vor Gefahren im Internet schützen. Millionen sind bereits Opfer von Cybermobbing geworden, manche Influencer:innen und Handy-Games plündern das Taschengeld. Und viele Plattformen sind so aufgebaut, dass sie süchtig machen können.
Bislang fehlte es an wirksamen Instrumenten, um Minderjährige zuverlässig vor problematischen Apps und Websiten in Schutz zu nehmen. Das soll sich mit der neuen Altersverifikations-App der Europäischen Union ändern. Nachdem man einmal mit dem Ausweis das Alter bestätigt hat, gibt es Zugriff auf altersbeschränkte Apps und Websiten. Doch es gibt bei alldem fünf Gefahren, die nicht ignoriert werden dürfen.
Von der Leyen pries sich selbst für eine einheitliche europäische Lösung. Doch auch die beste App nützt nichts, wenn sie nicht eingesetzt wird. Beim am meisten diskutierten Einsatzgebiet – einem Mindestalter für die Nutzung von Social Media – schreckt die EU vor einer einheitlichen Regelung zurück. Stattdessen obliegt es den EU-Staaten, ob und für welches genaue Alter sie Beschränkungen festlegen. Einige machen Tempo, andere gründen Arbeitsgruppen – wie die deutsche Bundesregierung. Der Élysée-Palast hat Beratungen mit den europäischen Staats- und Regierungschefs angekündigt, um über mögliche Social-Media-Verbote zu diskutieren. Mit der neuen EU-App kann sich aber künftig keine Regierung mehr mit angeblichen technischen Hürden herausreden.
Eine Altersverifizierung macht Social Media nicht automatisch sicherer – so etwas wäre ein Trugschluss. Das eigentliche Problem ist nicht das Alter der Nutzenden. Es sind die süchtig machenden Tricks der Anbieter, die auch viele Erwachsene stundenlang ans Handy fesseln. Zu lange haben die Techkonzerne selbst die Spielregeln bestimmt – mit freiwilligen Selbstverpflichtungen statt verbindlicher Gesetze, mit unternehmenseigenen Ethikgremien statt echter Kontrolle.
Doch nicht Firmen sollten entscheiden, welche Risiken die Gesellschaft verträgt, sondern gewählte Politikerinnen und Politiker sowie öffentliche Institutionen. Dafür braucht es mehr als eine schlichte App zur Altersverifizierung.
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Politik gar nicht eingreifen müsste, weil Eltern die Kontrolle haben. Die Realität ist eine andere: Ständige Überwachung der Jugendlichen ist unmöglich und auch nicht wünschenswert. Die Altersverifizierung kann Eltern unterstützen, dass Kinder nicht zu früh den Gefahren des Internets ausgesetzt werden. Aber sie entbindet sie nicht von ihrer Aufklärung über Risiken.
Wer den Zugang zu bestimmten Apps an den Ausweis knüpft, muss alle gefährdeten Menschen im Blick behalten – nicht nur Kinder. Eine Frau, die einer gewalttätigen Beziehung entfliehen will, könnte keine Nachrichten verschicken, wenn ihr Peiniger ihr den Ausweis abgenommen hat. Geflüchtete ohne Ausweis würden ausgeschlossen, wenn der Herkunftsstaat nicht bei der Ausstellung neuer Papiere kooperiert.
Es ist ein Vorteil, dass die EU die App bereitstellt – mit Transparenz und Datenschutzstandards –, statt private Anbieter ins Geschäft zu lassen, die sensible Daten missbrauchen könnten – etwa für KI-Trainings. Brüssel hat die Chance, weltweit Standards zu setzen, wie bei der Datenschutz-Grundverordnung. Wo sensible Daten anfallen, zieht dies aber auch Hacker an. Das Risiko lässt sich minimieren, aber nicht eliminieren.
