Streifzüge durch die eigenen Schränke
Streifzüge durch die eigenen Schränke
Stand: 23.04.2026, 14:35 Uhr
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Entrümpeln ist nicht einfach. Dinge wie ein Globus entwickeln neue Anziehungskräfte.
Ich bin noch immer mit der Durchsicht meines Hausstands beschäftigt, vulgo: mit Entrümpeln. Es braucht mehrere Streifzüge durch Schränke, Regale und Schubladen, wenn man es ernst meint. Vieles stört schließlich schon so lange, dass man sich längst angewöhnt hat, es zu übersehen.
Der beleuchtbare Globus etwa, den eine der Töchter mal zu Weihnachten von einem Onkel bekommen hat und der im Bücherregal einstaubt. Schöne Idee, dachte ich damals. So kulturvoll! Aber dann vergaßen wir ihn. Um ihm die Deponie zu ersparen, wollte ich ihn über eine Kleinanzeige in ein besseres Leben schicken – und auf der entsprechenden Plattform sah ich sie: Hunderte, nein Tausende von Globen (beziehungsweise Globussen) ab drei Euro, die alle woanders kulturvoll sein sollten. Kleine und große Exemplare, aus Plastik oder Holz, mit Fuß oder Rundhalterung, matt oder glänzend, bunt oder schwarz-weiß, mit Relief oder eben, als 3D-Puzzle oder Wasserball. Die Zeit des Globus war groß, scheint nach 500 Jahren Bildungsarbeit aber doch vorbei zu sein.
Trotzdem hat sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Spaß erlaubt, Kanzler Friedrich Merz beim Antrittsbesuch im Oktober einen Globus „aus lokaler Produktion“ zu überreichen – ein Exemplar des Columbus-Verlags, des weltweit ältesten Globusherstellers, der heute in Bodenseenähe residiert, aber 1909 in Berlin gegründet wurde, in der Schöneberger Crellestraße. In derselben Straße befand sich damals interessanterweise der Langenscheidt-Verlag, der mit Wörterbüchern auf seine Weise bei der Welterkundung half und eine Zeit lang selbst eine Weltkugel im Logo trug.
Vom Columbus-Verlag stammen auch die „Großgloben für Staats- und Wirtschaftsführer“ des NS-Staates von Mitte der 1930er-Jahre: Aluminiumweltkugeln von über einem Meter Durchmesser, wie sie in Hitlers Reichskanzlei oder dem Büro des Reichsaußenministers von Ribbentrop standen.
Außenminister Johann Wadephul erinnerte aus Anlass des zehnten Todestages seines Amtsvorgängers Hans-Dietrich Genscher daran, dass dieser den Globus in seinem Büro bei Staatsbesuchen immer so gedreht habe, dass das Land, dem der Gast entstammte, zentral erschien – „als Zeichen, dass er als Außenminister die Perspektive des anderen einnehmen möchte“, so Wadephul.
Ich habe das Internet nach einem Foto von Genschers Büroglobus durchsucht, aber nur ein Porträt von Konrad Adenauer mit Globus aus dem Jahr 1960 gefunden – seltsamerweise nicht der später „Adenauer“-Globus von Columbus, aber er illustrierte trotzdem, dass da einer zu wissen vorgab, wie die Welt sich dreht.
Der symbolische Wert der Weltkugel sei weiter ungebrochen, informiert mich meine KI-Assistentin. Die private und schulische Nutzung von Globen sei zwar obsolet geworden, dafür floriere das Geschäft im Deko-Bereich und wachse jährlich um 3,5 Prozent. Hüfthohe Globen auf Ständern im Eingangsbereich von Firmen seien besonders beliebt, gern abstrakt oder individualisiert.
Vom geografischen Instrument über die politische Geste zum Statement Piece – vom Globus kann man vielleicht noch immer etwas lernen. Mein ohnehin unverkäufliches Exemplar darf erstmal bleiben.
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