Parade der Bücklinge
Stand: 26.03.2026, 15:37 Uhr
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Vor wem beugt man sich, wenn man in sein Smartphone starrt?
Die Frau in der U-Bahn kniete. Sie hatte leise ihr Sprüchlein gesagt, den schmutzigen Pappbecher in der Hand, und sich dann zwischen den Sitzreihen auf ein Knie niedergelassen, den Kopf gesenkt.
Es war eine selbstverständliche, graziöse Bewegung, ein tiefer Kratzfuß eigentlich: Sie beugte sich nach unten, das linke Bein beschrieb mit nach innen gerichtetem Fuß einen Bogen nach hinten, so dass sie sich über dem rechten Knie quasi zusammenfaltete und dort einige Augenblicke verharrte. In der Haltung lag nichts Vorwurfsvolles, auch nichts Selbstverleugnendes, sondern es war eine schlichte Aussage, ein Bild des Anerkennens und Zeigens.
Die U-Bahn hatte keine einzelnen Wagen, sondern bestand aus durchgehenden Abteilen, die Sitzreihen waren belegt, aber die Stehflächen weitgehend frei. Ich befand mich hinter der bettelnden Frau und sah, was sie gesehen hätte, wenn ihr Blick nicht auf den Boden gerichtet gewesen wäre: einen langen Gang, gesäumt von Personen, die ihrerseits Kopf und Rücken gebeugt hielten, in ihre Smartphones versunken. In unserem Abschnitt waren es sieben auf jeder Seite, in der Tiefe der Bahn setzte sich das Bild fort – die Menschen, vor denen die Frau kniete, saßen selbst demütig Spalier.
In einer Märchenchoreographie würde vom anderen Ende des Zuges jetzt jemand heranreiten, die hohe Person, deren Ankunft alle Anwesenden gemeinsam Referenz erwiesen. Sie würde vom Pferd springen, die Kniende bei der Hand nehmen und alle rechts und links würden aufblicken und jubeln.
Der Berliner Alltag sah vor, dass sich die Frau mit dem Pappbecher aus ihrer Position erhob und selbst die Parade abnahm, einige Geldstücke einsammelte von Leuten, die kurz aufsahen, und sich im nächsten Abteil wieder auf die Knie ließ. Die meisten Passagiere krochen noch tiefer in ihr Gerät, als das echte Leben kurz vorbeikam, obwohl dieses nur höflich fragte und nichts forderte und sich im Grunde ebenso leicht wegwischen ließ wie ein nicht weiter interessierender Post.
Wer sich so geschmeidig aus dem Stand auf die Knie lässt und dann auch wieder mühelos aufstehen kann, hat sein Alter im Griff, habe ich selbst neulich in einem Instagram-Reel erfahren. Eine schlanke Person mit kurzen grauen Haaren demonstrierte die Übung darin mehrfach, in der Caption hätte man dann mehr erfahren.
Die Bewegung sah so fließend aus, dass ich vermutete, der Post sei KI-generiert, aber ganz genau kann ich das als optisch illiterate Nutzerin noch immer nicht bestimmen. Mir fällt nicht auf, wie unnatürlich ebenmäßig die Landschaften sind, oder dass kleinste Bilddetails nicht stimmen.
Tatsächlich habe ich auch Posts von Runar angesehen, einem rüstigen Isländer in seinen Achtzigern, der vor schönster Kulisse die Geheimnisse seiner Gesundheit teilt, die er übrigens auch in einem E-Book zusammengefasst hat.
Der Studiosound seiner Stimme und das makellose Englisch gaben mir zu denken, und bald spülte mir der Algorithmus auch Sepp zu, das alpenländische Pendant von Runar mit den identischen Rezepten und der wiederholenden Ansprache, „tue das jeden Tag, mein Freund“. In der Reproduktion, im Mehr und Immer-mehr vom Gleichen, in der Perfektion des Digitalen liegt die Beruhigung der Spurenlosigkeit. Das Erlebnis in der U-Bahn wirkt nach.
