Wie ein gestrandeter Wal die sozialen Medien in Rage versetzt |
Wie ein gestrandeter Wal die sozialen Medien in Rage versetzt
Stand: 20.04.2026, 16:47 Uhr
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Diese Kolumne von Michael Herl über den gestrandeten Wal im Flachwasser der Ostsee sollten Sie besser zuende lesen.
Eigentlich wäre die Sache mit dem Wal ja schnell zu erledigen gewesen. Fände sich kein Gnadenhof zur Aufnahme des Tieres, müsste man das bewährte Einschläferungsmittel Barbiturat Pentobarbital in Betracht ziehen. Im betreffenden Fall gewiss eine größere Menge, vielleicht zwanzig Liter oder so.
Stünde dieses nicht zur Verfügung, etwa wegen stockenden Verkehrs in der Straße von Hormus, täte es wohl auch ein Bolzenschussgerät, ersatzweise eine Panzerfaust, eine Drohne, ein Torpedo oder eine schlichte Handgranate. Material dieser Art dürfte genügend vor Ort sein – nennt sich doch das betroffene Gebiet neuerdings Ostflanke.
Falls nicht, würde gewiss der Feind aushelfen. Es geht schließlich um Tierschutz, und da hat der Russe bekanntlich ein Herz wie ein Bergwerk. Ist die Maßnahme dann gelungen, empfehle sich die Kontaktaufnahme zu einem isländischen Delikatessenhändler. Der dürfe zumindest an den größeren, verbliebenen Brocken reges Interesse zeigen. Das könnte dann auch wirtschaftlich zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen.
So. Das dürfte reichen. Die Fährte ist gelegt.
Der Plan ist nämlich: Man schreibe einen Text über das Dilemma dieses gestrandeten Tiers, der vor Lockwörtern wie Handgranate, Panzerfaust, Barbiturat oder Delikatessen nur so wimmelt – und schon geht er in Sekundenschnelle viral. Das ist einer der wenigen Vorteile der sogenannten „sozialen“ Medien.
Man kann nämlich Menschen, die nur etwas lesen, das entweder ihre Meinung bestätigt oder sie auf die Palme bringt, dazu verführen, sich mit einem ernst zu nehmenden Medium zu befassen – in diesem Fall mit der FR.
Man kann ihnen dann auf diesem Wege mitteilen, dass es gewiss ehrenwert ist, weinend am Ostseestrand zu stehen, zu beten, zu singen und zu pendeln – oder sich gar in die kalten Fluten zu stürzen, um dem Wal mutmachend an der rechten Oberflosse zu schubbern. Das tut dem Ego sicherlich gut.
Und sonst? Ist es sinnvoll, sich dem Mob anzuschließen, der mal wieder fauchend und zürnend durch die virale Scheinwelt zieht und vor echten Morddrohungen gegenüber Verantwortlichen nicht Halt macht? Der – wie es so modern geworden ist – seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse schon vorab für Teufelszeug erklärt und stattdessen ständig neue „Expert:innen“ aus einem alten Hut zaubert? Fällt es denn nicht auf, dass sich ernst zu nehmende Tierschutzorganisationen auffallend zurückhalten?
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Ah, ja. Die sind alle gesteuert. Klar.
Doch nun mal im Ernst: Selbst wenn es gelingen sollte, das schwer kranke Tier in den Atlantik zu bugsieren – wie wird es ihm dort wohl ergehen? Man frage richtige Fachleute. Solche, die es mit der Vernunft halten. Aber die wird immer unbeliebter. Man lässt sich doch die schöne Wut nicht durch Fakten vermiesen. Dabei wäre eine solche woanders bitter nötig. An Stellen, wo sogar Millionen Tiere tatsächlich gerettet werden könnten – von Menschen ganz zu schweigen.
Am Ende angelangt, fällt mir etwas auf, das mir nicht gefällt. Was, wenn die geköderte Gästeschar nur den Anfang dieses Textes las? Also nur die Passagen, die sie in Rage bringen sollen? Nun. Dann soll es halt so sein. Denn so ganz falsch ist es ja nun auch wieder nicht, was da geschrieben steht.
Halt nur ein wenig übertrieben.
Michael Herl ist Theatermacher und Autor.