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Ist der Frühling vielleicht nur eine Erfindung der Grußkartenbranche?

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04.03.2026

Ist der Frühling vielleicht nur eine Erfindung der Grußkartenbranche?

Stand: 04.03.2026, 14:08 Uhr

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Der Frühling gilt als Zeit der Freude und Erneuerung. Doch wo Licht ist, da lauern auch Schattenseiten – die oft übersehen werden. Die Wahrheit ist doch: Diese Zeit zerstört alle Grenzen. Die Kolumne von Leo Fischer.

Sehen Sie jetzt öfter diesen hellen Lichtpunkt am Himmel? Hören Sie die seltsamen Laute aus Bäumen und Sträuchern, von gefiederten Kreaturen hervorgebracht? Ja, alle Anzeichen sprechen dafür: Im Ballett der Jahreszeiten folgt nun dem fauligen Hauch des Herbstes und dem eisigen Hauch des Winters der giftige Hauch des Frühlings. Eine Jahreszeit, die viel zu oft mit falscher Sentimentalität bedacht wird.

Was ich mit dem Frühling verbinde: spontane Migräneattacken durch Sonneneinstrahlung, allergische Schübe, Menschen in scheußlichen Übergangsjacken, die blinzelnd durch die Einkaufszonen stolpern. Tatsächlich handelt es sich doch vor allem um ein Marketingphänomen. Wer verspricht uns Toilettenpapier „frühlingsfrisch“, versehen gar mit „aufregenden Frühlingsdüften“? Doch wohl die infame Werbeindustrie, irgendwo zwischen Warendorf und Wertheim-Village. Ist der Frühling vielleicht nur eine Erfindung der Grußkartenbranche? Klar ist: Während anderswo Krieg geführt wird, während das Klima hopps geht, sollen wir hier unbedarft die Nasen in irgendwelche welken Blümchen stecken und so tun, als würden wir uns freuen. Da darf man sich schon mal am Kopf kratzen und fragen: cui bonobo?

Der Frühling – Sinnbild einer entfesselten Weltordnung?

Ein weiteres fatales Frühlingsphänomen: Politiker beginnen wieder, über Demografie zu sprechen. Der Frühling zwickt und zwackt sie, oben- und untenrum, setzt in ihrem Verstand den rasanten Wunsch frei, fruchtbar zu sein, die Welt mit Ihresgleichen zu bevölkern, grässlich.

Die Wahrheit ist doch: Der Frühling zerstört alle Grenzen. Tiere, Pflanzen und Gewürm, das im Winter brav unter der Erde blieb, brechen hervor; Flüsse treten über ihre Ufer, reißen ganze Dörfer mit sich. Der Frühling – Sinnbild einer entfesselten Weltordnung. Passt man einmal kurz nicht auf, schon liegen im Aldi die Flusskrebsschwänze unter „Meeresfrüchte“, gibt es Bordeaux zum Nasi Goreng. Indes mischt sich der Frühling auch unter unser Essen. Kannten unsere Vorfahren schon Frühlingszwiebeln? Steht die sogenannte Frühlingsrolle nicht emblematisch für die Rolle rückwärts im Prozess der Zivilisation? Für den gesellschaftlichen Roll-back im Inferno der Jahreszeiten? Und der penetrante Geschmack von Frühlingskräutern – dient er nicht im Letzten allein dazu, kulinarische (gesellschaftliche!) Widersprüche zu überdecken? Alles so Fragen.

Auch Eduard Mörike warnte bereits: „Der Sonnenblick betrüget“

Vielleicht der schärfste Gegner des Frühlings ist die Statistik. Wenn man sich vorstellt, dass zwei Drittel aller Raubüberfälle, vier Fünftel aller Familienauslöschungen und sechs Zehntel aller Banküberfälle im Frühling erfolgen, dann ist das eine ziemlich beängstigende Vorstellung. Eine Vorstellung, für welche die Zahlen des Statistischen Bundesamtes nicht den geringsten Beleg liefern – Gott sei Dank. Aber vorstellbar ist es nun ja schon.

Wenn der Satz gilt, dass eine Schwalbe noch keinen Frühling macht, ist es da nicht geboten zu fragen, warum die ach so elegante Vogelmadame es vorzieht, den Winter in den Subtropen zu verbringen, statt hier mitanzupacken, inmitten der Rezession? Macht sie mit dem Frühling gemeinsame Sache? „Der Sonnenblick betrüget / mit mildem falschem Schein, / die Schwalbe selber lüget, / die Schwalbe selber lüget, / und bricht mein Herzelein“, heißt es bei Eduard Mörike. Der Mann wusste eben Bescheid.


© Frankfurter Rundschau