Hört endlich auf die Jüngeren!

Hört endlich auf die Jüngeren!

Stand: 19.04.2026, 17:04 Uhr

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Die Politik während der Pandemie hat junge Menschen besonders getroffen. Auch aktuelle Reformen muten ihnen überharte Lasten zu. Der Leitartikel.

An diesem Montag kommen 150 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in den Bundestag, um über ihre Erfahrungen während der Corona-Pandemie zu berichten. Sechs Jahre nach dem ersten Lockdown, nach wochenlangen Schulschließungen, die Lehrkräfte, Eltern und Kinder unvorbereitet trafen.

„Generation Corona?“ Der Bundestag setzt im Titel der Veranstaltung noch ein Fragezeichen. Richtiger wären Ausrufezeichen: „Generation Corona! Generation Kriegsangst! Generation Klimakrise! Generation, der es definitiv nicht besser gehen wird als ihren Eltern!“ Und: „Generation, der man dringend zuhören muss!“

Sechs Jahre sind für junge Leute eine Ewigkeit. Als Corona ihre Welt lahmlegte, waren sie Grundschüler und-schülerinnen, nun stehen sie kurz vor der Oberstufe. Oder sie bereiteten sich damals auf den Abschluss vor und wollten die Welt sehen. Sie wurden ausgebremst, nun finden sie sich im Erwachsenenleben zurecht.

Man könnte erwarten, sie hätten ihre Wut über die Corona-Zeit heruntergeschluckt und nach vorne geblickt. Aber so scheint es nicht zu sein: Für die 150 Plätze im Bundestag gab es mindestens die zehnfache Anzahl an Bewerbungen.

Das Thema ist immer noch präsent. Und es verfolgt die Generation bis heute. Die Generation Corona brauchte Jahre, um schulische Defizite aufzuholen, wenn sie es überhaupt schaffte. Die Anzahl neu diagnostizierter Essstörungen stieg bei Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren während der Pandemie um 51 Prozent. Bewegungsmangel und Online-Sucht, in den Monaten des Lockdowns entwickelt, haben viele Jugendliche nie ganz überwunden. Überforderte Eltern haben es teilweise bis heute versäumt, ihren Kindern Struktur und Halt zu geben.

Vor allem aber verfestigt sich bei den heutigen Jugendlichen ein Eindruck: Um euch geht es immer zuletzt. Natürlich war es richtig, zunächst die vulnerablen Senioren vor dem Virus zu schützen. Die Schulen zu schließen, mag kurzfristig richtig gewesen sein. Sie so lange geschlossen zu lassen, beweist nicht nur sträfliche Denkfaulheit bei den zuständigen Behörden, sondern zeigt auch klar die Prioritäten: Wirtschaft und Kommerz zuerst, Schule und Bildung zuletzt.

„Warum habt ihr nicht schon damals gefragt, wie es uns geht?“, fragen Jugendliche heute, wenn sie von der Veranstaltung in Berlin hören. Laut Deutschem Schulbarometer bezeichnen sich 21 Prozent der Schüler:innen als psychisch belastet. Mehr als ein Viertel beklagt geringe Lebensqualität. Mehr als ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen fühlt sich einsam. Die Bundesschülerkonferenz hat gerade die Kampagne „Uns geht’s gut?“ gestartet. Hier ist das Fragezeichen wirklich angebracht. The kids aren‘t alright.

Aber sie wissen, was sie in einer alternden Gesellschaft sind: eine Minderheit, die laut sein muss, um gehört zu werden. Die weiß, dass ihre Eltern ihr gerade nur Krisen hinterlassen und erwarten, dass die Jungen sie lösen. Die gute Nachricht: Diese Generation, mag sie Z oder Alpha heißen, kennt auch ihre Verhandlungsposition. Ohne sie wird es keine bessere Welt geben.

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Die Älteren sollten ihr zuhören, nicht nur einen Tag im Bundestag zum Thema Corona, sondern bitte schnell wieder in einem ähnlichen Format zum Thema Wehrpflicht und resiliente Gesellschaft. Sie sollten es jeden Tag tun: mit mehr, nicht weniger Anlaufstellen bei psychischen Problemen. Mit mehr und nicht weniger Schulsozialarbeiter:innen. Mit mehr und nicht weniger motivierten Lehrkräften.


© Frankfurter Rundschau