Moralkeulen helfen dem Klima nicht – eine Replik |
Moralkeulen helfen dem Klima nicht – eine Replik
Stand: 28.04.2026, 18:17 Uhr
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Einzelaktionen verpuffen ohne globales Konzept gegen die Erderwärmung. Ein Gastbeitrag.
Wer es noch nicht mitbekommen hat: Der Quod-erat-demonstrandum-Preis der vergangenen Woche ging an ein Wissenschaftlerkollektiv aus Kiel und Twente. Gleich sieben Doktoranden, Postdoktoranden und ein Juniorprofessor sind gemeinsam und mit großem Erfolg angetreten, um ein fulminantes Beispiel für so einiges so liefern, was ich in meinem jüngsten Sachbuch „Wer soll was tun? Warum wir nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und worin unsere Verantwortung eigentlich besteht“ (C.H. Beck) beschrieben habe.
Vorgeworfen wird mir nicht weniger, als die „Normen des wissenschaftlichen Arbeitens“ zu verletzen, die nach Auffassung der Kritiker auch in populärwissenschaftlichen Werken gelten „müssen“. Ein Vorwurf, der inhaltlich wenig Sinn ergibt, wie schon die Grammatik verrät: Wenn die „Normen“ erst von den Kritikern gesetzt werden „müssen“, dann sind es im eigentlichen Sinne gar keine, gegen die ich hätte verstoßen können, galten sie im Zeitpunkt des Schreibens meines Buchs doch noch gar nicht. Aber sei’s drum, wir verstehen auch so, was gemeint ist. Denn schließlich spart der Text nicht an weiteren Frontalangriffen, lesen wir doch von „Unzulänglichkeiten“ meines Sachbuchs, die nicht einmal zum Nachdenken anregen, Ignoranz gegenüber „tausenden Fachbeiträgen“, einer „philosophisch fadenscheinige[n] Provokation“ meinerseits usw.
In meinem Buch kritisiere ich, wie die Debatten in Sachen Klimawandel gegenwärtig oftmals verlaufen. Für viele ist die Frage, wie mit der globalen Erwärmung politisch umzugehen ist, zu einer der richtigen Haltung geworden. Damit geht eine erhebliche moralische Aufladung des Themas einher. Dies hat uns als Gesellschaft auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel ein ausgeprägtes Lagerdenken beschert. Das hat zur Folge, dass sich Gespräche nicht länger auf einer argumentativen Ebene bewegen, sondern auf die Abwertung der Person des Gegenübers reduzieren.
Der Text der Sieben ist hierfür ein gelungenes Beispiel, weil es ihm gelingt, über viele Zeilen jede sachlich-inhaltliche Auseinandersetzung mit den Positionen meines Buchs auszusparen und sich stattdessen vollends dem Ziel zu verschreiben, mich als Person zu diskreditieren – nämlich als „schlechte Wissenschaftlerin“. Warum hierauf antworten? Wen außerhalb des Elfenbeinturms interessiert es schon, wie gerade wissenschaftlich haltlos der Einwand ist, nicht all die „tausenden Fachbeiträge“ in einem Sachbuch zitiert zu haben? Die Kritik erinnert ein wenig an jene Wissenschaftler, die in ihren Publikationen nach dem Motto verfahren: „Es wurde zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von mir.“ Gerade dem wissenschaftlichen Nachwuchs sei hier altmütterlich der freundliche Hinweis erteilt, dass Innovation und nicht bloßes Nachplappern den Sinn und Zweck von Wissenschaft ausmacht. Und deshalb genügt es wissenschaftlichen Ansprüchen, die Auseinandersetzung mit verschiedenen Positionen darauf zu begrenzen, Sachargumente inhaltlich zu diskutieren, ohne jeden Einzelnen zu zitieren, der genau diese Position auch vertritt. Selbstredend bin ich dem in „Wer soll was tun?“ nachgekommen, wie ein Blick über das Literaturverzeichnis hinaus schnell erhellt hätte.
Man könnte die als Rezension getarnte persönliche Attacke deshalb getrost als das behandeln, was sie eigentlich ist: Ein vor allem selbstreferenzieller Reflex auf die Ungehörigkeit der Anmaßung des Andersdenkens, das in bestimmten Milieus, leider auch manchen wissenschaftlichen, beim Klimathema schier unerträglich geworden zu sein scheint. Dennoch lohnt eine Antwort – gewissermaßen als Versuch, es besser zu machen. Denn ein (!) inhaltliches Argument lässt sich dem Machwerk der Sieben dann doch entnehmen. So lesen wir vom Bio-Waffen-Experten George, der den Bau solcher Waffen zu unterlassen hat, ganz unabhängig davon, ob an seiner Stelle ein anderer dasselbe täte.
Ich bin den Kritikern sehr dankbar für ihr Beispiel, dient es doch dazu, neben der Diskursanalyse gleich noch eine zweite These meines Buchs zu bestätigen: dass nämlich der Einzelne derzeit in Sachen Klimawandel nicht in der Verantwortung ist. Ich begründe dies damit, dass es sich bei der globalen Erwärmung um eine globale Herausforderung handelt, die nur auf dieser Ebene gelöst werden kann. Alleingänge, ob national oder individuell, sind derzeit keine effektiven Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels, weil es an einem globalen Gesamtkonzept fehlt, in das sie sich einbetten könnten. Das Pariser Übereinkommen leistet dies nicht, im Gegenteil provoziert es durch Leakage-Effekte sogar eine Verschärfung der Lage. Nicht ohne Grund erleben wir jedes Jahr neue Rekordwerte des globalen CO2-Ausstoßes.
Gegen diese empirische Tatsache erheben die Sieben keine Einwände – in erfrischender Ehrlichkeit geht es ihnen schließlich gerade darum, den Einzelnen zu Handlungen zu verpflichten, die nicht geeignet sind, am Klimawandel irgendetwas zu ändern. Denn schließlich soll George ja auch keine Biowaffen bauen, nur weil andere es an seiner Stelle ohnehin täten. Allerdings vergleichen die Klimaethiker an dieser Stelle Äpfel mit Birnen, vielleicht ohne es zu bemerken.
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Daher hier die Erklärung: Wenn George keine Waffe baut, gelingt es ihm allein durch sein Unterlassen, ein durch diese konkrete Waffe entstehendes Risiko für Leib und Leben von Menschen zu vermeiden. Wenn nun Peter eine solche Waffe baut, ist das nicht das Risiko, das George geschaffen hätte. Selbst wenn durch Peters Waffe exakt dieselben Menschen getötet werden, die durch Georges Waffe getötet worden wären, liegt hierin ein Risiko, das allein Peter zu verantworten hat. Im Recht sprechen wir bei diesen (übrigens in jedem Lehrbuch für Studierende des ersten Semesters zu findenden) Konstellationen von Fällen der „hypothetischen“ Kausalität. Letztere schließt die Verantwortung nicht aus, weil sie eben ein ganz anderes Risiko betrifft.
Anders beim Thema Klimawandel: Die Emission des Einzelnen führt nur in der Summe der Emissionen aller zum Klimawandel. Es liegt also nicht im Möglichkeitsbereich des Einzelnen, durch Unterlassen einer bestimmten Emission das Risiko des Klimawandels zu bannen. Ultra posse nemo obligatur! Das ändert sich erst, wenn die einzelne Emission innerhalb eines globalen, gegen den Klimawandel wirksamen Konzepts erfolgt. Derzeit ist es mitunter nicht einmal bloß so, dass die unterlassene Emission des Einzelnen wirkungslos verpufft – stattdessen verschärft sie durch Leakage-Effekte die Situation, weshalb nationale Einsparungen teils dazu führen, dass auf globaler Ebene sogar mehr CO2 ausgestoßen wird.
Bei all der Entrüstung, mit der mir wissenschaftliche Mängel unterstellt wurden, enttäuscht es ein wenig, dass den FR-Lesern aus „tausenden Fachbeiträgen“ ein Fall präsentiert wird, der unter Risikogesichtspunkten auf einer ganz anderen Ebene liegt als das Klimaproblem. Möglicherweise hätte es doch gelohnt, etwas länger über den Inhalt meines Sachbuchs nachzudenken, anstatt sich im durchaus unfeinen Angriff ad personam zu verlieren.