Was tun, wenn der Nachbar AfD-Wähler ist?

Was tun, wenn der Nachbar AfD-Wähler ist?

Stand: 16.04.2026, 14:13 Uhr

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Der Umgang mit AfD-Wählern erfordert eine doppelte Perspektive. Verstehen ja, Verständnis nein – so lautet die schwierige Balance.

Die AfD ist mittlerweile flächendeckend parlamentarisch in Ost und West vertreten. Im parlamentarischen Umgang mit der AfD ist auf Bundes- und Länderebene bei den demokratischen Parteien weitgehend (noch?) Konsens, die Partei zu ignorieren und Abgrenzung zu markieren. Gleichzeitig bröckelt diese Brandmauer auf kommunaler Ebene.

Demgegenüber ist die Frage nach dem Umgang mit Wählerinnen und Wählern der AfD bisher kaum diskutiert. Sucht man die Auseinandersetzung und spricht jemanden direkt an? Wie verhält man sich, wenn man einen Wähler oder eine Wählerin (zufällig) kennenlernt, diese Person sich outet und gesprächsbereit ist?

Drei Varianten, wie man mit AfD-Wähler:innen umgehen kann

Eine erste nicht-dialogische Variante ist, dass man die AfD und ihre Wählerschaft – oder große Teile – gleichsetzt, letztere ignoriert, ihr aus dem Weg geht, die Kommunikation verweigert oder versucht, sie mit eigenen Positionen zu belehren. Dies läuft darauf hinaus, politische Gegnerschaft zu erklären und sie als Grenzziehung zu markieren. Diese Position kann sich berufen auf subjektive (und rechtlich gestützte) politische Überzeugungen vom extremistischen Charakter der AfD. Dem gegenübergestellt wird die liberale und rechtsstaatlich verfasste, die Grundrechte garantierende Demokratie, die man, gerade mit Blick auf die Lehre aus der Geschichte, verteidigen muss. Das leitende und eindeutige Motiv ist: Mit Feindinnen und Feinden der Demokratie redet man nicht, man bekämpft sie.

Daneben gibt es mit Blick auf das Wahlverhalten und die Motive von Wählerinnen und Wählern eine zunächst (!) zuhörende, kommunikative und zugleich streitbare Variante des Umgangs, die sich auf Verstehen und Deuten bezieht sowie auf die unterschiedlichen Gründe und Motive, die AfD zu wählen. Das gilt vor allem für Wählerinnen und Wähler, die nicht ideologisch gefestigt sind, sondern Gesprächsmöglichkeiten eröffnen.

Es ist breiter wissenschaftlicher und politischer Konsens, dass man die Motivwelten und diesen Zusammenhang verstehen muss, um angemessene Umgangsstrategien zu entwickeln und politische Problemlösungen anzubieten. Ob es damit gelingen würde, einen Teil der Wählerschaft – wohl kaum die überzeugte Gesinnungs- und Milieuwählerschaft – zu erreichen und zurückzuholen, bleibt offen.

Vom Verstehen ist – so die dritte Variante - Verständnis zu unterscheiden. Ein verständnisvoller Umgang würde bedeuten, dass man den Wählerinnen und Wählern zugesteht, eine demokratie- und menschenfeindliche, in weiten Teilen rechtsextreme Partei zu wählen. Würde man dies spiegeln, dann wäre das ein weiterer Beitrag zur politischen Legitimierung und gesellschaftlichen sowie affektiven Normalisierung der AfD.

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Erziehungswissenschaftler: Gründe verstehen, aber kein Verständnis für das Wahlverhalten

Es geht letztlich darum, in der politisch-gesellschaftlichen sowie alltäglich-kommunikativen Auseinandersetzung darauf zu bestehen, dass es keinen Grund und keine Legitimation geben kann, eine extrem rechte Partei zu wählen – erst recht nicht, wenn das Gegenargument lautet, nicht zu wissen, wen man wählen soll. Wer auf dieser demokratiezentrierten Position besteht, kann sich auf die subjektive Binnenperspektive einlassen. Das bedeutet, die Gründe und Motive zu verstehen, aber für das Wahlverhalten und die damit verbundene neu-rechte Gefühlswelt kein Verständnis zu haben. Dies stellt eine anspruchsvolle und auch emotional anstrengende Herausforderung dar.

Dabei können die vorgebrachten Themen, Argumente und provokativen Gefühlswelten mit politisch-moralischen Grenzmarkierungen verbunden sein, nach dem Motto „Bis hierher und nicht weiter“. Gespräche können abgebrochen werden. Zugleich können die Gespräche mit dem Gegenüber auch mit einer gewissen Distanz im ethnografischen Sinne verstanden werden und mit einer – sicher begrenzten – Neugier verbunden sein, mehr über die affektive Heimat, die subjektiven Selbstlegitimationen und -beschreibungen des Wahlverhaltens zu erfahren.

Will man Wählerinnen und Wähler der AfD erreichen und mit ihnen – soweit möglich - im Gespräch bleiben, dann gibt es zu dieser doppelten Perspektive keine Alternative. Dabei wäre mit der eigenen politischen Position zu spiegeln, dass es – bei noch so vielen Problemen und Sorgen, Erfahrungen und Ängsten – keinen Grund geben kann und darf, eine menschen- und demokratiefeindliche Partei zu wählen.

Dies ist mit der Hoffnung verbunden, möglichst viele Wählerinnen und Wähler nachdenklich zu machen und in die Demokratie zurückzuholen. Es sind Versuche, die (noch) zugänglichen zu erreichen, die sich in einer Grauzone von Orientierungen, Überzeugungen und Protest bewegen.


© Frankfurter Rundschau