Das geht fix, dachten sich die Berichterstatter und meinten die Intendantinnenwahl im Rundfunk Berlin Brandenburg. Tagesordnungspunkt eins im Rundfunkrat am Mittwochnachmittag: Wahl der Intendantin. Geheime Wahl, Stimmen auszählen, Gratulation, Blumenstrauß, dann vor die Presse. Pustekuchen, nix war’s.

Dienstagabend hatte sich Katrin Vernau den Rundfunkräten noch in einer Videoschalte vorgestellt. Danach war der Eindruck: Morgen geht alles glatt. Manche stört jedoch, dass sie vom übermächtigen WDR kommt. Stichwort: feindliche Übernahme. Eine Ostdeutsche ist Vernau nicht, die Gewerkschaften mögen sie auch nicht. Andere hadern mit dem Verfahren, das auf nur eine Kandidatin zugelaufen ist. Eine normale Wahl ist das nicht, aber was ist beim RBB zurzeit normal? Und dann – bleiben zum Wahltermin neun von 29 Rundfunkräten weg. Von zwanzig Anwesenden wählen Vernau im ersten Wahlgang zwölf.

Statt Blumen überbringen Rundfunkratschef Dieter Pienkny und Verwaltungsrat Souad Bakir der Kandidatin die Nachricht, dass sie – noch – nicht gewählt ist. Da hätte Katrin Vernau sagen können: Zwölf von 29? Danke, das reicht nicht. Doch sie bleibt dran, in Runde zwei bekommt sie 16 von 20 Stimmen. Nun darf sie mit dem Interimsjob, um den man sie nicht beneiden muss, beginnen.

Die nötigen Nerven hat sie schonmal bewiesen, und den richtigen Ton trifft sie auch. Sie will einen Kassensturz machen, auf die Mitarbeiter zugehen und Vertrauen im Sender aufbauen, auf dass der RBB wieder beim Publikum Fuß fasst. Wir aber fragen uns: Was ist das für ein Rundfunkrat? Zu dieser wichtigen Sitzung erscheinen neun Räte gleich gar nicht, sieben stimmen im ersten Wahlgang gegen die Kandidatin, einer enthält sich. Ist das die Lust am eigenen Untergang? Verhalten wie zu von Misstrauen geprägten Schlesinger-Zeiten? Protest durch Abwesenheit?

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Er finde das auch bedauerlich, lässt der Rundfunkratsvorsitzende Pienkny ausrichten. Er verstehe die Abwesenheitsquote nicht. Aber die Rundfunkräte seien Ehrenämtler, priorisierten vielleicht andere Verpflichtungen und zwingen könne man sie nicht. Stimmt. Zwingen sollten sich die Rundfunkräte allerdings selbst. Alle Welt spricht davon, dass man die Gremien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stärken müsse, für den Dialog mit der Gesellschaft und die Kontrolle. Der neue Medienstaatsvertrag verschafft Verwaltungs- und Rundfunkräten mehr Einfluss. Doch den müssen Gremienleute auch ausüben und Verantwortung übernehmen wollen. Sonst wird das nix, nicht nur beim RBB.

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Null Bock im Rundfunkrat?

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09.09.2022

Das geht fix, dachten sich die Berichterstatter und meinten die Intendantinnenwahl im Rundfunk Berlin Brandenburg. Tagesordnungspunkt eins im Rundfunkrat am Mittwochnachmittag: Wahl der Intendantin. Geheime Wahl, Stimmen auszählen, Gratulation, Blumenstrauß, dann vor die Presse. Pustekuchen, nix war’s.

Dienstagabend hatte sich Katrin Vernau den Rundfunkräten noch in einer Videoschalte vorgestellt. Danach war der Eindruck: Morgen geht alles glatt. Manche stört jedoch, dass sie vom übermächtigen WDR kommt. Stichwort: feindliche Übernahme. Eine Ostdeutsche ist Vernau nicht, die Gewerkschaften mögen sie auch nicht. Andere hadern mit dem Verfahren, das auf nur eine Kandidatin........

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