Sich an die Gendersprache zu gewöhnen fällt nicht jedem leicht. Sich ihr zu unterwerfen noch weniger. Man kann von Glück reden, wenn einen Genderlinguisten nur als sprachlich ewiggestrig be­lächeln und gönnerhaft damit bescheiden, das mit dem generischen Maskulinum wachse sich raus beziehungsweise das sterbe aus. Das sei gut so, weil Sprache sich verändert und jeder „geschlechtergerecht“ oder „geschlechtersensibel“ formulieren solle.

Wer sich dem verweigert, ist begriffsstutzig, moralisch nicht auf der Höhe und bekommt einen Punktabzug in der Klausur, wenn noch nicht in der Schule, so doch an der Universität oder fällt durch: Nichtgendern, setzen, sechs. Inklusion fordert eben ein paar Opfer. Vielleicht auch viele. Um eine Sprachgebung gegen den Willen einer großen Mehrheit durchzusetzen, braucht es freilich noch mehr. Behörden und Politik gehen deshalb gendersendungsbewusst voran und verfassen Schreiben mit Binnen-i, Doppelpünktchen oder Gendersternchen.

„Bitte noch gendern“, gab die frühere Umweltministerin von Rheinland-Pfalz, Anne Spiegel, zu der Pressemitteilung durch, mit der sie sich am Tag der Flutkatastrophe an der Ahr, bei der mehr als 130 Menschen starben, von der Verantwortung verabschiedete. Und der Rundfunk – nicht nur der öffentlich-rechtliche, der aber besonders – spricht uns auch was vor.

Ein prägnantes Beispiel schickt gerade der „Verein Deutsche Sprache“ in die Twitterwelt. Da sehen und hören wir, wie Stefan Fuckert, Moderator der „Lokalzeit Südwestfalen“ im WDR, sehr zugewandt eine Brandmeisterin der freiwilligen Feuerwehr befragt, die ihn (und uns auch) sehr beeindruckt – ob ihres ehrenamtlichen Engagements für die Gesellschaft und ihres Hauptberufs. Sie sei nämlich, sagt Fuckert, „Intensivkrankenschwesterin“. Das könnte ein Versprecher gewesen sein, denken wir beim ersten Mal. Bei der zweiten „Intensivkrankenschwesterin“, als welche der Moderator, besser gesagt: der Moderierende, die Brandmeisterin tituliert, denken wir das nicht mehr.

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Wenn nicht nur der Krankenpfleger, sondern auch die Krankenschwester noch ein „in“ hintendran braucht, dann handelt es sich um einen klaren Fall von – Intensivgendern. Für einen „durchschnittlichen Siegerländer“, so stellt der WDR den Moderierenden (oder die Moderator:in?) der „Lokalzeit“, Stefan Fuckert, auf seiner Website vor, sei er „überdurchschnittlich wortfreudig“. Was immer das heißen mag, es klingt, als könnte es stimmen. In den WDR-Nachrichten tauchte indes gerade eine „Krankenschwesterin“ auf, die eine „Impfgegnerin“ sein könnte. Die Moderatorin, twittert der Sender, habe sich versprochen.

Dem „Lokalzeit“-Moderator Stefan Fuckert ist, wie in der „Siegener Zeitung“ nachzulesen ist, inzwischen auch aufgefallen, dass es die „Krankenschwesterin“ nicht gibt. Es stand nur dummerweise auf seinen Moderationskarten. Und so habe er „die missglückte Wortschöpfung“ gleich zweimal verwendet. Direkt nach der Sendung hätten ihn Kollegen darauf angesprochen: „Gibt es dieses Wort überhaupt? Und dann dachte ich sofort: Ach du liebe Zeit - nein!“ Noch gibt es das Wort nicht, aber wer weiß.

QOSHE - Ganz schön intensiv - Michael Hanfeld
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Ganz schön intensiv

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13.08.2022

Sich an die Gendersprache zu gewöhnen fällt nicht jedem leicht. Sich ihr zu unterwerfen noch weniger. Man kann von Glück reden, wenn einen Genderlinguisten nur als sprachlich ewiggestrig be­lächeln und gönnerhaft damit bescheiden, das mit dem generischen Maskulinum wachse sich raus beziehungsweise das sterbe aus. Das sei gut so, weil Sprache sich verändert und jeder „geschlechtergerecht“ oder „geschlechtersensibel“ formulieren solle.

Wer sich dem verweigert, ist begriffsstutzig, moralisch nicht auf der Höhe und bekommt einen Punktabzug in der Klausur, wenn noch nicht in der Schule, so doch an der Universität oder fällt durch: Nichtgendern, setzen, sechs. Inklusion fordert eben ein paar Opfer. Vielleicht auch viele. Um eine Sprachgebung gegen den Willen einer großen Mehrheit durchzusetzen, braucht es freilich noch mehr. Behörden und Politik........

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