Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vergeht kaum ein Tag, an dem das Programm nicht Anlass gibt, misstrauisch zu werden, was die Informationsgebung angeht. Ein jüngeres Beispiel findet sich im „Bericht aus Berlin“ der ARD vom vergangenen Sonntag.

Da ging es um den Streit ums Bürgergeld, das inzwischen, nach der Ablehnung des Bundesrats, im Vermittlungsausschuss liegt. Im „Bericht aus Berlin“ war es das Thema Nummer eins, mit einem Korrespondentenbeitrag, zwei langen Interviews – Markus Söder sprach für die Union, Johannes Vogel für die FDP – und einem sehr seltsamen, sollen wir sagen, „Schönheitsfehler“?

Im Beitrag zu sehen war ein Ausschnitt der Rede, welche die Vorsitzend der Grünen-Fraktion, Britta Haßelmann, in der Debatte zum Bürgergeld im Bundestag gehalten hatte. Darin warf sie dem Oppositionsführer Friedrich Merz soziale Kälte vor: Wer im Privatjet zur Party fliege, könne sich wohl kaum in die Lage einer Alleinerziehenden versetzen, sagte Haßelmann.

Im Gegenschnitt zeigte der „Bericht aus Berlin“ Merz und neben ihm den parlamentarischen Geschäftsführer der Unionsfraktion, Thorsten Frei, auf ihren Plätzen im Plenarsaal – feixend. Sodann folgte eine Aufnahme von Merz und seiner Frau in der Propellermaschine, mit der sie zu Christian Lindners Hochzeit auf Sylt geflogen waren.

Das Bild von Merz und Frei zeigte allerdings gar nicht die Reaktion der beiden im Bundestag auf Haßelmanns Kältevorwurf. Da machten sie eher empörte Mienen, wie man bei Phoenix sehen kann. Ins Feixen kamen die beiden, als Haßelmann an anderer Stelle behauptete: „Friedrich Merz schürt Sozialneid ohne Ende, aber hier im Parlament kneift er heute.“

Darauf machte auf Twitter unter anderen Baha Jamous aufmerksam, Kommunikationschef ei­nes Fintech-Unternehmens und früherer Wahlkampfberater der CDU in Sachsen. Er nannte den Vorgang „Framing“. Der Frame, also der Er­zählbogen, den der Schnitt des „Be­richts aus Berlin“ besorgte, besteht in diesem Fall darin, Friedrich Merz als jemanden zu zeigen, der sich über den Vorwurf sozialer Kälte nur amüsiert. Einen schönen Bildervergleich stellte auch die Twitter-Nutzerin Clara *Optimismusbeauftragte* Nathusius ein.

Der Witz ist: Damit dementierte sich der Beitrag selbst. Denn im Text hieß es, Regierung und Opposition seien gerade auf Krawall gebürstet – „auf beiden Seiten unwürdige Neiddebatten“. Eine Politologin erklärte zudem, dass die Union inhaltlich aufrüsten und aufpassen müsse, dass sich nicht immer alles nur auf Friedrich Merz konzentriere: Quod erat demonstrandum.

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Die Erklärung der Redaktion zu der Bildmanipulation kam per Twitter und fiel ziemlich schlapp aus: „Im Bericht aus Berlin vom 13.11.2022 wurde im Beitrag über den Streit um das Bürgergeld ein falsches Bild eingesetzt. Wir bitten dafür um Entschuldigung und werden das Bild im Beitrag korrigieren und ihn neu in der Mediathek hochladen.“ In der neuen Version ist das Bild von Merz am Steuer des Kleinflugzeugs selbstverständlich drin.

QOSHE - Der feixende Friedrich Merz feixt nicht - Michael Hanfeld
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Der feixende Friedrich Merz feixt nicht

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15.11.2022

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vergeht kaum ein Tag, an dem das Programm nicht Anlass gibt, misstrauisch zu werden, was die Informationsgebung angeht. Ein jüngeres Beispiel findet sich im „Bericht aus Berlin“ der ARD vom vergangenen Sonntag.

Da ging es um den Streit ums Bürgergeld, das inzwischen, nach der Ablehnung des Bundesrats, im Vermittlungsausschuss liegt. Im „Bericht aus Berlin“ war es das Thema Nummer eins, mit einem Korrespondentenbeitrag, zwei langen Interviews – Markus Söder sprach für die Union, Johannes Vogel für die FDP – und einem sehr seltsamen, sollen wir sagen, „Schönheitsfehler“?

Im Beitrag zu sehen war ein Ausschnitt der Rede, welche die Vorsitzend der Grünen-Fraktion, Britta Haßelmann, in der Debatte zum Bürgergeld im Bundestag gehalten hatte. Darin warf sie dem........

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