Die vergessene Krise
Bildung in Deutschland : Die vergessene Krise
Das deutsche Schulsystem bringt Millionen Bildungsverlierer hervor. Das dreigliedrige Schulsystem müsste hinterfragt werden – auch wenn das der Mittelschicht nicht passt.
Rente, Steuern, Energie – Deutschland hat so viele Reformbaustellen, dass eine zentrale Strukturkrise untergeht: Das Bildungssystem ist bestenfalls mittelmäßig. Es gelingt nicht, genügend Kinder aus allen Schichten gut ausgebildet ins Leben zu entlassen. Das ist tragisch für jeden einzelnen Bildungsverlierer und ein Armutszeugnis für eine schrumpfende Volkswirtschaft, die in Zeiten Künstlicher Intelligenz auf eigenständig denkende Arbeitskräfte angewiesen ist.
Die Fakten liegen auf dem Tisch: Einkommen, Bildung und Herkunft der Eltern bestimmen mehr denn je darüber, ob jedes einzelne Kind sein Potential voll entfalten kann. Das Niveau an den Schulen sinkt im internationalen Vergleich. Der Anteil der 15-Jährigen ohne Grundkenntnisse in Mathe und Naturwissenschaften hat sich seit 2012 fast verdoppelt. Jungen fallen immer häufiger durchs Raster. Mehr als zwei Millionen junge Erwachsene haben keinen Berufsabschluss. Migration hat das Problem verstärkt, es wäre aber fahrlässig sie zum Sündenbock zu machen.
Obwohl die Probleme bekannt sind, handelt die Politik zu langsam. Vorgeschriebene Sprach- und Entwicklungstests für Vierjährige mit Förderung im Anschluss haben sich in Hamburg bewährt und es in den Koalitionsvertrag geschafft. Doch die Länder bremsen. Ein bundesweites Programm für Brennpunktschulen enthält gute Ansätze, leidet aber unter Bürokratie und läuft nur langsam an. Erfolgreiche Ansätze wie Mentorenprogramme, in denen Studenten oder Rentner bildungsferne Kinder unterstützen, sucht man vergeblich. Leistungsdruck gilt als anrüchig.
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Wie für die übrigen Reformbaustellen gilt: Kleine Eingriffe genügen nicht mehr, einstige Erfolgsmodelle verblassen. Internationale Forscher stellen in Frage, ob die derzeitige Form des Föderalismus und die frühe Verteilung der Kinder nach der Grundschule noch zeitgemäß seien. Gerade die bildungsbürgerliche Mittelschicht, die das dreigliedrige Schulsystem verteidigt, muss sich fragen, ob sie nicht zu den größten Verlierern des schleichenden Bildungsabstiegs zählt. Die erfolgreicheren Schüler bringen Staaten wie Estland hervor, in denen Kinder möglichst lange zusammen lernen. Solche unbequemen Grundsatzfragen müssen ergebnisoffen diskutiert werden – und zwar genauso dringend wie Rente, Steuern, Energie.
Johannes PennekampVerantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
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