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Wer will noch das Schwarzmalen?

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Europas Klimakrise : Wer will noch das Schwarzmalen?

Europa heizt doppelt so schnell auf wie der Rest der Welt, doch viele fragen sich: Wie verstecken wir Hiobsbotschaften am effektivsten? Endzeitstimmung verbreiten darf nur noch, wer vor Deindustrialisierung warnt.

Immer trifft es die Falschen, auch beim Klima. Das wäre eine denkbare und auch schon reichlich eingeübte Lesart der Klimawandelbilanzen, wie sie gestern mit dem neuen Bericht des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage und der Weltmeteorologiebehörde nahegelegt wurde. Und es stimmt ja: Europa heizt sich doppelt so schnell auf wie der Rest der Welt, daran ist inzwischen nicht mehr zu rütteln. Außer vielleicht, dass es im nächsten Jahr oder im übernächsten heißen könnte: Europa heizt sich jetzt noch schneller auf. Und auch dann wird, gespickt mit bitterer Ironie, gefragt werden: Ausgerechnet Europa, der Kontinent der klimapolitischen Schulmeister?

Nicht nur zählen die Europäer (wenn auch nicht alle Länder gleich) seit jeher zu den progressivsten in der Klimapolitik, sie sind auch kommunikativ besonders forsch, wenn es etwa darum geht, die Massen für einschneidende Maßnahmen zu gewinnen. „Forschung für eine klimaneutrale Mobilität“, so klingt der aktuelle Sound europäischer Klimapolitik. Positiv klingen, konstruktiv gegen die Katastrophe und immer schön die Motivation hochhalten. Positive Psychologie statt Apokalypsenrhetorik oder moralisierendes Pathos.

Lösungen statt Probleme sind gefragt

Tatsächlich gibt es unter den klimapolitisch Aktiven längst einen von Europa ausgehenden globalen Konsens darüber, den Klimadiskurs nicht mehr in Weltuntergangskategorien und destruktiver Sprache zu führen. Lösungen statt Probleme, heißt es. Psychologisch ist diese Losung auch vollkommen plausibel. Der Mensch ist gelähmt, wenn er in den Abgrund blickt. Aber probieren Sie mal aus dem, was der europäische Klimawandel-Dienst Copernicus an Daten für den neuen Klimabericht lieferte, einen positiven Turnaround hinzukriegen. Wir müssen nur die Zusammenfassung zitieren:

• „Mindestens 95 Prozent Europas verzeichneten 2025 überdurchschnittliche Jahrestemperaturen.

• Eine dreiwöchige Rekordhitzewelle traf das subarktische Fennoskandien, wobei die Temperaturen in der Nähe und innerhalb des Polarkreises 30 Grad Celsius überstiegen.

• Gletscher in allen Regionen Europas verbuchten einen Netto-Massenverlust, wobei Island den zweitgrößten Gletscherschwund seit Beginn der Aufzeichnungen registrierte; die Schneedecke lag um 31 Prozent unter dem Durchschnitt; der grönländische Eisschild schrumpfte um 139 Gigatonnen (139 Milliarden Tonnen) Eis.

• Die jährliche Meeresoberflächentemperatur in Europa war die höchste seit Beginn der Aufzeichnungen; 86 Prozent der Region erlebten mindestens ,starke‘ marine Hitzewellen.

• Waldbrände zerstörten rund 1.034.550 Hektar – die größte Fläche bisher.

• Die Flusspegel in Europa lagen während elf Monaten des Jahres unter dem Durchschnitt, wobei 70 Prozent der Flüsse unterdurchschnittliche Jahresströme verzeichneten.

• Stürme und Überschwemmungen betrafen Tausende Menschen in Europa, obwohl extreme Niederschläge und Überschwemmungen weniger verbreitet waren als in den vergangenen Jahren.

• Die biologische Vielfalt ist für eine nachhaltige Zukunft von entscheidender Bedeutung, doch der Klimawandel ist eine der Hauptursachen für ihren Rückgang. Klimawandel und Biodiversität sind in der Politik und den Rahmenwerken Europas eng miteinander verknüpft.“

Ein einziger Punkt aus der Zusammenfassung fehlt bisher. Er lautet:

• „Erneuerbare Energien deckten 2025 fast die Hälfte (46,4 Prozent) des europäischen Strombedarfs; die Solarenergie erreichte mit 12,5 Prozent einen neuen Rekordanteil.“

SommerhitzeKlimawandel beeinträchtigt zunehmend die Gesundheit

UmweltökonomieDie Wettervorhersage im Klimawandel

Copernicus-Bericht 2025Rekordwerte bei Extremwetter in Europa

Für die neuen Diskurstheoretiker des Klimawandels ist das freilich der entscheidende Hinweis: die beschleunigte Elektrifizierung des Kontinents mittels Wind, Sonne, Wasser und Biomasse als Rettungsanker in einem klimapolitischen Kurs, der sich vor aller Augen auch in Europa längst zuungunsten vieler längst akzeptierter Klimaschutzmaßnahmen – siehe Green Deal oder E-Autowende – verschoben hat. Forciert und rhetorisch gerahmt wird dieser neue Kurs von einflussreichen Lobbyisten, die mit beunruhigenden Klimafakten noch nie wirklich etwas anfangen konnten, und auch von Politikern, die das fossile Zeitalter fahrlässig verlängern, indem sie eine Wirtschaft ohne Gas und Öl als eine Gesellschaft vor der Deindustrialisierung etikettieren. Das ist die Schwarzmalerei, die immer noch als salonfähig gilt.

Joachim Müller-JungVerantwortlicher Redakteur für das Ressort „Wissenschaft“.

Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Wissenschaft“.

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© Frankfurter Allgemeine