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Alles wird schlechter – und das ist kein Zufall

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Übermacht der Plattformen : Alles wird schlechter – und das ist kein Zufall

Alles wird immer schlechter? Das ist nicht nur Einbildung: Eine norwegische Kampagne kämpft gegen „Enshittification“.

Der technologische Fortschritt läuft, wenn man den Unternehmen glaubt, die mit ihm handeln, heute so radikal und unaufhaltsam ab wie selten zuvor: Die sogenannte Künstliche Intelligenz revolutioniert sämtliche Gesellschaftsbereiche, die Singularität ist nur noch eine Frage der Zeit, und auch wenn das mooresche Gesetz, welches jahrzehntelang besagte, dass Computer alle zwei Jahre schneller und billiger werden, nicht mehr lange gilt, weil Computerchips heute kaum noch kleiner werden können, versprechen die Hersteller schon das neue Paradigma: „More than Moore“. In Wirklichkeit aber werden die Produkte der digitalen Welt, pardon, immer beschissener.

„Enshittification“ (auf Deutsch etwa Verscheißifizierung) heißt das Wort, das der kanadische Science-Fiction-Autor Cory Doctorow 2022 in einem Blogbeitrag für diese Entwicklung geprägt hat. Was zunächst nur ein origineller Neologismus war, hat einen Nerv getroffen und ist mittlerweile als Fachbegriff beliebt, um den Verfall aller möglichen Dinge und Dienste zu beschreiben, der längst auch in der analogen Welt spürbar ist: Nicht nur Google-Suchergebnisse, Facebook-Posts und Dating-Matches werden immer schlechter und teurer, sondern auch der Service auf Flugreisen, bei Taxifahrten, im Kauf- oder im Krankenhaus. Wir leben heute, meint Doctorow, im Zeitalter der Scheiße: dem „Enshittoscene“.

KI sorgt für Verschlimmerung auf einem neuen Level

Wenn der Begriff nun sogar in einem offiziellen Paper des norwegischen Consumer Council auftaucht, eine Art Verbraucherzentrale, dann klingt das nur auf den ersten Blick wie Satire. Denn Enshittification ist ein ernst zu nehmendes systematisches Problem, das immer ähnlich abläuft: Zuerst sind die Unternehmen gut zu ihren Kunden, um sie an sie zu binden; dann verlangen sie Geld für das ursprünglich kostenlose Angebot, um die Nutzer zu Geschäftskunden zu machen; und wenn sie schließlich auf den Dienst nicht mehr verzichten wollen, werden sie noch weiter ausgequetscht.

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Gemeinsam mit 70 anderen Organisationen aus der ganzen Welt haben die norwegischen Verbraucherschützer nun eine globale Kampagne gestartet. In ihrem 100-seitigen Bericht erklären sie genau, wie die Plattformen vorgehen: wie sie absichtlich ihr Angebot schlechter oder Reparaturen unmöglich machen, wie sie von Netzwerk- und Lock-in-Effekten profitieren und Wettbewerber aufkaufen, die ein besseres Produkt anbieten; und wie sie dadurch nicht nur „too big to fail“, sondern auch „too big to care“ werden, so groß, dass ihnen die Zufriedenheit der Nutzer egal sein kann. Auch die als technischer und sozialer Quantensprung gefeierte KI wird meist so eingesetzt, dass sie die Enshittification auf ein neues Level hebt, zum Beispiel mit Chatbots, die die Kunden in den Wahnsinn treiben oder durch massenhaft erzeugten KI-Müll (AI Slop), der das Internet überschwemmt.

Gigantische Plattformen sind kein Naturgesetz

Auch zu der Frage, was man gegen den Trend tun kann, haben die Verbraucherschützer ein paar Ideen: Unter anderem schlagen sie vor, den Wechsel zu anderen Anbietern zu erleichtern und dem Wettbewerb auf digitalen Märkten zu fördern, etwa durch offene Standards, den Abbau künstlicher technischer Beschränkungen oder den Aufbau öffentlicher Alternativen. Oder so revolutionären Maßnahmen wie die Durchsetzung des bestehenden Wettbewerbs- und Kartellrechts. Dass sich das Internet zu einer Ansammlung „einer Hand voll gigantischer Plattformen mit absoluter Kontrolle über ihre Nutzer und Konkurrenten“ entwickelt habe, sei kein „fundamentales Gesetz der Technologie“, sondern „ein künstlicher Endpunkt der ‚Innovation‘“. Deshalb könne es „rückgängig gemacht oder verhindert werden“.

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In einem Video zu ihrer Kampagne illustrieren die Norweger die Praxis der Enshittification am Beispiel eines jungen Mannes, der seine Arbeit als Schlechtermacher vorstellt: Er sei stolz auf die Tradition seines Handwerks, dass er nun in vierter Generation betreibt. Es sei ein harter Job, erklärt er, während man sieht, wie er Tischbeine absägt, bis der Tisch wackelt, Fahrradketten aushängt oder Löcher in Socken schneidet, er könne leider nicht überall gleichzeitig sein. Aber zum Glück kam dann das Internet, damit sei es nun viel leichter, die Sachen für viele Leute auf einmal beschissen zu machen, durch Pop-ups oder Updates, kostenpflichtige Zusatzfunktionen oder Abogebühren. Am Schluss sitzt er zufrieden in seinem Luxusauto, bis die Durchsage kommt: Bremsen ist jetzt ein Premium-Feature. Bitte geben Sie Ihre Kreditkartendaten ein.

Harald StaunRedakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin / Frankfurter Allgemeine Quaterly.

Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin / Frankfurter Allgemeine Quaterly.

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