Stich ins Herz

Neue Basketball-Liga : Stich ins Herz

Shaquille O’Neal startet eine Liga, in der es ausschließlich um Dunkings gehen soll. Das Spektakel fasziniert, doch ohne Gegner geht etwas Wichtiges verloren.

Dunken müsste man können. Dann winkt demnächst ein fettes Zubrot: Eine halbe Million Dollar (430.000 Euro) setzt der frühere Basketballstar Shaquille O’Neal für den Gewinner seiner Dunking-Liga aus. Er verspricht Auftritte auf einer globalen Bühne und, klar, eine Karriere als Dunker. Warum zu zehnt Basketball spielen, wenn ein paar Dunks und ein Korb reichen?

Sie denken, O’Neal habe gut reden, weil er sich mit 2,16 Metern nur auf die Zehenspitzen zu stellen brauchte, um den Ball durch den Ring zu drücken? Machen Sie sich nicht kleiner, als Sie sind, nur weil der Ring in 3,05 Metern Höhe hängt wie ein unerreichbarer Stern. Denken Sie an die Macht der Schwerkraft, an O’Neals Pfunde (so rund 300), und schauen Sie auf die fast 90 Jahre alte Geschichte des Dunks.

Der Dunk ist spektakulär, aber vom Spiel isoliert

1986 schraubte sich ein gewisser Spud Webb beim Wettbewerb während des All-Star-Spiels der NBA in die Höhe und ließ den Star Dominique Wilkins verdammt klein aussehen. Eine echte David-gegen-Goliath-Story. Ein Zweimetermann unterliegt einem, der beim Basketball in der Regel aussortiert würde, weil das Maß nicht stimmt. Es geht doch was mit 1,70! Wenn auch nicht ganz so viel wie bei den Sommerspielen 2000 in Sydney, wo Mister Dunk, Vince Carter, auf dem Weg zum Korb Frédéric Weis überflog. Dessen Landsleute, die Franzosen, hielten den Atem an, bevor sie aushauchten: „Le dunk de la mort.“ Frédéric Weis zählt zu den etwas größeren Menschen auf diesem Planeten: 2,18 Meter.

Nein, obwohl die verschiedenen Kunstformen des Dunkings bei den Solovorführungen zu Sprüngen über aufgetürmte Leiber, Autos und allerhand Alltagsgegenstände führten, scheint noch niemand zu Tode gekommen zu sein. Aber den Wettbewerben geht mitunter die Luft aus. Was mit der Isolierung zusammenhängt, der Trennung vom Spiel. Mit Dunks werden zwar wenig Punkte erzielt; es gibt im Schnitt nur drei bis fünf pro Match in der NBA.

Aber sie wirken auf das Gemüt: Der Dunker tankt Selbstbewusstsein. Das Publikum frohlockt angesichts des Spektakels, und den Gegner trifft ein Dunk ins Herz, wenn die Verteidigung jemanden machtlos ins Zentrum ihres Hauses eindringen ließ. Rums. Das tut in der Seele weh. Das kann Spiele wenden oder Gegnern endgültig den Mut rauben. Am 2. August 2024 schloss Franz Wagner bei den Sommerspielen ein Dribbling vorbei an zwei Verteidigern des französischen Teams mit einem krachenden Dunk ab. Rien ne va plus!

Nichts geht mehr in solchen Momenten, weil die in der Regel erspielte Freiheit, dunken zu können, selten Chancen lässt für eine erfolgreiche Verteidigung ohne Foul. Dann verbindet sich die Kunst des Passspiels mit der nackten Physis zu einer Vorführung im doppelten Sinne: Schaut her, ihr seid zu langsam auf den Beinen und im Kopf!

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Wer wüsste das besser als Matthew „Mac“ McClung? Dreimal gewann er den Dunk-Wettbewerb beim All-Star-Spiel. 2026 riet man ihm, daheimzubleiben, weil sonst Stars der NBA nicht antreten würden. Sie hatten wohl Angst vor seiner Kunst. Aber nicht vor ihm als Basketballer in ihrer Liga. In den vergangenen fünf Jahren wurde er 13-mal eingesetzt. Die Geschichte führt zu zwei Punkten: Mit Dunks alleine reicht es vielleicht zu einem Spektakel im Zirkus. Und Dunks ohne Gegner fehlt die Essenz.

Anno HeckerVerantwortlicher Redakteur für Sport.

Verantwortlicher Redakteur für Sport.

Als TV-Experte ist der frühere Starspieler Shaquille O'Neal noch immer eine der prominentesten Persönlichkeiten des US-Basketballs. Nun gründet er eine eigene Liga – in der ausschließlich „gedunkt“ wird.

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