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Wenn Eltern altern

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12.11.2019

Noch während ich mit meiner Mama telefoniere, überkommt mich ein beschissenes Gefühl. Wie wenn man als Kind was angestellt und es noch keiner bemerkt hat, der Moment, in dem es alle bemerken, aber unmittelbar bevorsteht. Schlechtes Gewissen, gepaart mit ein bisschen Angst. Dabei gibt meine Mama mir gar keinen Anlass. Sie fragt nicht, wann ich wieder mal nach Hause komme oder warum ich mich so lange nicht gemeldet habe oder wann ich vorhabe, meine Schulden zurückzuzahlen. Sie erzählt, was gerade so los ist zu Hause.

Meine Eltern bauen das Haus um. Kinderzimmer anders nutzen und so. Tapeten abziehen, spachteln, streichen. Meine Oma sei vorbeigekommen, erzählt die Mama, und war nicht davon abzuhalten, beim Spachteln zu helfen. Sie wollte mit dem Spachteln gar nicht mehr aufhören, obwohl meine Mutter längst keine Lust mehr hatte. „Da hab ich an dich gedacht“, sagt sie. „Du hast recht gehabt. Ich werde alt.“

Wenige Wochen vorher haben meine Eltern mir beim Umzug nach Berlin geholfen. Da war meine Mutter der Drill Instructor, und ich habe gesagt: „Du bist schon wie die Oma.“ Jetzt lacht sie über sich und die Oma am Telefon. Ich lache auch. Und kriege dieses Gefühl.

Ein normales Telefongespräch? Ja. Aber auch: ein Dilemma meiner Generation, der viel beschriebenen und noch mehr verschrienen Generation Y. Unsere Eltern werden älter, irgendwann sogar alt. Und dann? „Ich kann auch helfen“, sage ich ins Telefon, „wenn ich an Weihnachten nach Hause komme.“ An Weihnachten? Sehr witzig. Da ist längst alles fertig. Sie erzählt weiter. Vom Papa, der gerade beim Opa ist, zum Laufenüben nach dem Schlaganfall. Vom anderen Opa, der gestern nicht ans Telefon gegangen ist. Sie ist dann hingefahren, um sicherzugehen, dass er nicht wieder gestürzt ist. Meine U-Bahn kommt, wir legen auf.

Blickwechsel von Ina Schoenenburg: Seit fünf Jahren fotografiert Schoenenburg ihre Eltern, ihre Tochter und sich

Was, wenn mein Papa irgendwann mal nicht ans Telefon geht? Und ich vier Stunden und 32 Minuten ICE-Distanz weit weg wohne? Oder noch weiter? Wer weiß, wo ich in zwanzig Jahren wohne? Ich jedenfalls nicht. Was, wenn ein Elternteil zum Pflegefall wird? Wer übt dann mit ihm das Laufen? Ich dachte die längste Zeit, in........

© Fluter