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Bitte machen Sie sich frei

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12.11.2019

Ich dachte, ich wäre gut vorbereitet. Für meinen Termin zur „postpatriarchalen Lebensberatung“ hatte ich Erlebnisse, Sorgen und Ängste in die Tastatur gehackt und mir dabei die Falte zwischen den Augenbrauen glatt gestrichen. Quasi kein Aufwand, weil meine Gedanken sowieso ständig darum kreisen. Ich: Ende 20, weiblich, freiberufliche Journalistin. Fragen: Kann ich ein Kind bekommen und trotzdem meine Karriere verfolgen? Wie stelle ich sicher, dass ich gleich viel Lohn wie meine männlichen Kollegen bekomme? Und – klassisches Beyoncé-Dilemma: Soll ich vermeintlich männliches Verhalten imitieren, um ans Ziel zu gelangen? Oder lieber selbst ein Beispiel setzen dafür, wie es anders gehen könnte? If I were a boy.

Mit diesen Fragen und zahlreichen Anekdoten, die mein von Männern direkt und indirekt beeinflusstes Leben veranschaulichen sollen, und noch mehr Fragen im aufgeklappten Laptop sitze ich auf der Couch von Ina Praetorius. Praetorius ist 63 Jahre alt, feministische Theologin, Ethikerin, Autorin, Mutter, Ehefrau. Außerdem bietet sie Termine zur postpatriarchalen Lebensberatung an. Ein wichtiges Detail, das man vor der Terminvereinbarung nicht überlesen sollte: Post! Das heißt in diesem Zusammenhang „nach“, „patriarchal“ übersetze ich mal frei mit „männerherrschaftlich“. Nach der Männerherrschaft also.

Eine Freundin hatte mich auf das schräge Präfix aufmerksam gemacht, als ich ihr von dem bevorstehenden Termin erzählte. „Wie soll das gehen?“, hatte sie gefragt. „Das würde ja heißen, das Patriarchat ist vorbei?“ Gute Frage. Klingt halt besser als „Beratung für wie man ins Postpatriarchat kommt“, hatte ich gedacht. Wie käme man schließlich auf........

© Fluter