Die Menge klatscht und jubelt, als falsche Schnurrbärte über sie hinwegfliegen, gefolgt von Jacken und Oberteilen. Stück für Stück schmeißt Dragking Monty Ray Teile seines Outfits ins Publikum, bis er am Ende seiner Performance zu Mikas Song „Grace Kelly“ nur noch im weit aufgeknöpften Hemd auf der kleinen Bühne vor dem glitzernden Vorhang steht. Aber heute geht es um viel mehr als nur ums Ausziehen: nämlich um die Möglichkeit, seine Identität zu feiern und sich so zu zeigen, wie man sich fühlt und ist.

Für die deutsche LGBTQ-Gemeinde ist Berlin eine feste Größe: Der dortige Christopher Street Day ist eine der meistbesuchten Pride-Veranstaltungen Europas, und zum Lesbisch-schwulen Stadtfest in Berlin-Schöneberg kamen Mitte Juli Hunderttausende. Viele Jahre war vor allem Schöneberg bekannt für seine queere Kultur – in den vergangenen Jahren aber zog es junge LGBTQs eher nach Neukölln. Auch das SchwuZ (Schwules Zentrum) zog 2013 von Kreuzberg nach Neukölln. Es bezeichnet sich als ältesten queeren Club Deutschlands und gilt als eine Institution in der Szene.

Nicht ganz so lang, aber immerhin schon seit 2007 gibt es das Silverfuture in der Neuköllner Barmeile Weserstraße. Es war wohl die erste queere Bar im Bezirk und ein beliebter Treffpunkt für Menschen, die nicht heterosexuell sind oder deren geschlechtliche Identität nicht der binären Norm entspricht. Meist ist es voll und laut, statt einer großen Weinkarte gibt es günstige Drinks, regelmäßig finden zudem unterschiedliche Veranstaltungen statt: Dragshows, Date-Nights und Poetry-Abende. Heute Abend moderiert Monty Ray eine Talentshow. „Das ist ein Ort zum Treffen, Abhängen, Flirten und – natürlich – um Dates zu haben“, sagt Helena Krausz, die im Silverfuture Veranstaltungen organisiert.

Glam & Glitter: Auf den Bühnen von Clubs wie dem Silverfuture oder dem SchwuZ stehen Dragkings und Dragqueens auf der Bühne

Während man in regulären Bars als queere Person kritischen Blicken ausgesetzt sein kann, ist das Silverfuture auch ein Zufluchtsort. Da die Bar für alle Menschen zugänglich ist, ist aber auch der Club nicht frei von Diskriminierungen. Deswegen klebt auf den Blumenvasen auf den Tischen ein Schild, das darum bittet, respektloses Verhalten an der Theke zu melden. Darunter fallen auch Heteropärchen, die den ganzen Abend in der Bar knutschen. „Das ist problematisch, dadurch verändern sich Dominanzen im Raum“, erklärt Sabine Holzmann, Mitbetreiberin des Silverfuture.

Erst hatte sie Bedenken, eine queere Bar in Neukölln zu eröffnen. Mitte der Nullerjahre sprach man überall von den unhaltbaren Zuständen an der Rütli-Schule, wo Lehrer und Lehrerinnen über die gewalttätige Schülerschaft klagten. Obwohl der Bezirk in Verruf geraten war, zogen immer mehr junge Menschen hierhin – mit Lust auf alternative Lebensentwürfe, darunter viele Queere. „Damals gab es einfach keinen Ort für uns in Neukölln“, erinnert sich Holzmann. Früher hätte es in ihrer Straße hauptsächlich Trödelläden und Kaffee- und Teestuben für Männer gegeben. Einige der Immobilien standen einfach leer und waren günstig zu mieten. Wichtig sei ihnen gewesen, dass die Bar in der Nähe einer U-Bahn-Station lag, damit die Gäste nicht lange durch dunkle Straßen laufen müssen.

Natürlich sind sogenannte Hatecrimes auch in der Neuköllner Community ein Thema. Laut der Erfassungsstelle „Berliner Register“ gab es 2022 in ganz Berlin 239 LGBTQ-feindliche Vorfälle, dabei wurden nicht nur Beleidigungen und Gewalt gezählt, sondern auch homophobe Aufkleber. Besonders viele Vorfälle gab es mit 42 in Berlin-Mitte, in Neukölln waren es 22 Fälle – doch davon 13 tätliche Angriffe auf Personen. Der „Tagesspiegel“ berichtete im Juli dieses Jahres von einem schwulen Paar, das nach etlichen Angriffen aus Neukölln wegziehen will.

„Natürlich passiert das, und das ist ein Problem“, sagt Silverfuture-Betreiberin Holzmann. Problematisch finde sie, wenn sich die Berichterstattung über die Täter auf einen etwaigen Migrationshintergrund fokussiere. „In Neukölln leben eben viele Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt sie und fügt hinzu: „Mir ist es egal, woher jemand kommt, meiner Meinung nach geht die Gewalt von Cis-Männern aus. Es ist ein männliches Problem.“ Ihre Forderung wäre, Jugendliche besser über Gender aufzuklären.

Dass die generelle Angst für eine queere Person real ist, macht auch Dragking Monty Ray später an diesem Abend deutlich: „Weil ich spät dran war, habe ich kurz überlegt, mich im Bus zu schminken – es aber gelassen, da es nicht sicher ist. Später werde ich mit einem Uber nach Hause fahren.“

Nach ihm tritt noch ein anderer Dragking auf die Bühne: Peach Fuzz inszeniert sich als Priester. Kurz nachdem er die „Hostie“ gebrochen hat, reißt er sich das Gewand vom Körper und zeigt sich in Unterwäsche und Rosenkranz als unkonventionelle Interpretation von Jesus. Er selbst kommt aus einer konservativen Kleinstadt in Deutschland. Die Performance kann als Kritik an seinen Erfahrungen dort verstanden werden. Die Menge grölt, und eine ältere Dame im Publikum hält ein Pappherz mit seinem Namen in die Höhe. Es ist seine Mutter, die zum ersten Mal die Show sieht.

Als die Show vorbei ist, spaziert Peach Fuzz, mittlerweile in einen Leopardensatinmantel gehüllt, in den Backstagebereich, um sich abzuschminken. Langsam verschwinden die markanten Wangenschattierungen und das Augen-Make-up aus dem Gesicht. Dann erzählt er davon, dass er lange das Gefühl hatte, politisch nichts bewegen zu können. Abschließend sagt er: „Wenn sich aber ein paar queere Personen durch meine Performance empowered fühlen, sie einen guten Abend haben und positive Gedanken, dann verändere ich im Kleinen auch etwas.“

Titelbild: Diego Sixx

Dieser Text ist im fluter Nr. 88 „Neukölln” erschienen.
Das ganze Heft findet ihr hier.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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21.10.2023

Die Menge klatscht und jubelt, als falsche Schnurrbärte über sie hinwegfliegen, gefolgt von Jacken und Oberteilen. Stück für Stück schmeißt Dragking Monty Ray Teile seines Outfits ins Publikum, bis er am Ende seiner Performance zu Mikas Song „Grace Kelly“ nur noch im weit aufgeknöpften Hemd auf der kleinen Bühne vor dem glitzernden Vorhang steht. Aber heute geht es um viel mehr als nur ums Ausziehen: nämlich um die Möglichkeit, seine Identität zu feiern und sich so zu zeigen, wie man sich fühlt und ist.

Für die deutsche LGBTQ-Gemeinde ist Berlin eine feste Größe: Der dortige Christopher Street Day ist eine der meistbesuchten Pride-Veranstaltungen Europas, und zum Lesbisch-schwulen Stadtfest in Berlin-Schöneberg kamen Mitte Juli Hunderttausende. Viele Jahre war vor allem Schöneberg bekannt für seine queere Kultur – in den vergangenen Jahren aber zog es junge LGBTQs eher nach Neukölln. Auch das SchwuZ (Schwules Zentrum) zog 2013 von Kreuzberg nach Neukölln. Es bezeichnet sich als ältesten queeren Club Deutschlands und gilt als eine Institution in der Szene.

Nicht ganz so lang, aber immerhin schon seit 2007 gibt es das Silverfuture in der Neuköllner Barmeile Weserstraße. Es war wohl die erste queere Bar im Bezirk und ein beliebter Treffpunkt für Menschen, die nicht heterosexuell sind oder deren geschlechtliche Identität nicht der binären Norm entspricht. Meist ist es voll und laut, statt einer großen Weinkarte gibt es günstige Drinks, regelmäßig finden zudem unterschiedliche........

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