fluter.de: Das Bildungswesen in Deutschland wird seit Jahrzehnten ausgebaut. Junge Menschen bleiben immer länger im Bildungssystem, machen mehr mittlere und hohe Bildungsabschlüsse. Trotz dieser „Bildungsexpansion“ halten Sie das System für ungerecht. Warum?

Marcel Helbig: Kinder aus höheren Schichten haben deutlich größere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen, als die aus niedrigeren Schichten. Da fängt die Ungleichheit schon an. Die Entscheidung für oder gegen das Gymnasium wird oft damit begründet, dass Kinder mit Gymnasialempfehlung bessere Leistungen bringen würden. Und genau hier wird es kompliziert.

Weil?

Gute Schulleistungen werden nicht nur an vorhandenen Kompetenzen im Lesen oder Mathematik gemessen, sondern auch über Noten für Referate oder Klassenarbeiten. Darauf muss sich ein Kind gut vorbereiten können. Das setzt gerade in der Grundschule voraus, dass die Eltern das Kind unterstützen können. Können Eltern dies nicht, haben auch die Kinder schlechtere Chancen, gute Leistungen abzuliefern. Für Lehrkräfte ist es schwer zu trennen, welche Faktoren die Leistung eines Kindes beeinflussen. Und trotzdem empfehlen sie – basierend auf den gezeigten Leistungen – die weiterführende Schule. Leider setzen sich Eltern aus höheren Schichten eher darüber hinweg, wenn ihren Kindern keine Gymnasialempfehlung ausgesprochen wird, als solche aus niedrigeren Schichten.

Die Begriffe Schicht und Klasse fassen Menschen in ähnlicher sozioökonomischer Lage zusammen, die ähnliche Lebenserfahrungen und Bildungsabschlüsse machen – und somit ähnliche Werte, Lebensstile und Einkommen haben. Der Begriff Klasse betont dabei mehr das Ökonomische (wie der Klassenbegriff von Karl Marx) und deutet immer auch Konflikte und Machtbeziehungen zwischen den Klassen an. Schichten sind hingegen durchlässiger und mobiler.

Mehr zum Thema findet ihr im fluter-Heft „Klasse“.

Welche Faktoren begünstigen diese Ungleichheiten?

Ungleichheit beginnt mit der Geburt. Eltern von Kindern in höheren Schichten lesen ihren Kindern zum Beispiel mehr vor und sprechen mehr mit ihnen. Das führt dazu, dass diese Kinder einen größeren Wortschatz entwickeln als Kinder, die in niedrigeren Schichten aufwachsen. Ein anderes Beispiel: Kinder aus höheren Schichten nehmen früher an organisierten Sportangeboten oder Angeboten der musischen oder künstlerischen Erziehung teil. Die Kosten für solche Angebote sind jedoch nicht unbedingt der Hauptgrund, warum Kinder aus unteren Schichten diese Angebote seltener nutzen. Entscheidender scheint zu sein, dass Eltern höherer Schichten diese Angebote für wichtiger halten. Sicherlich kann man versuchen, dieses Ungleichgewicht über pädagogische Angebote in Kitas auszugleichen. Aber in Zeiten von Fachkräftemangel in Kitas und Schulen ist das schwierig.

Aber sind Schulen nicht genau dafür da?

Die können höchstens verhindern, dass bestehende Ungleichheiten nicht größer werden. Sie sind aber wenig erfolgreich, wenn es darum geht, soziale Ungleichheiten zu verringern. Studien zeigen zum Beispiel, dass die sprachlichen Kompetenzen von Kindern aus sozial höheren und aus sozial benachteiligten Schichten zu Beginn und zum Ende der Schulzeit ähnlich weit auseinanderliegen.

Also sind die Eltern schuld, dass ihre Kinder in der Schule keinen Erfolg haben?

Schuld ist ein System, das Ungleichheit hervorbringt und fördert. Statt die Gerechtigkeitsfrage im Bildungssystem den Schulen und Bildungsinstitutionen zuzuschieben, sollten wir über die Gründe dahinter sprechen: Einkommensungleichheiten, Vermögensungleichheiten, Ungleichheiten der Wohnquartiere, generell eine ungleiche Verteilung von Ressourcen und Macht. Mindestens jedes fünfte Kind ist von Armut bedroht. Von Schulen wird erwartet, dass sie diese Ungleichheiten ausgleichen. Daran können sie nur zerbrechen. Diese Strukturen bestehen seit Jahrzehnten. Und sie werden sich nicht so schnell ändern.

Welchen Einfluss hat eine Migrationsgeschichte?

Es gibt kaum Studien, die belegen, dass migrantische Kinder wegen ihrer Herkunft ungünstigere Bildungsverläufe haben. Entscheidender ist die soziale Lage: Hier haben Kinder von Migranten geringere Ressourcen im eigenen Haushalt. Migration und soziale Benachteiligung treffen häufig ein und dieselbe Person.

Jedes Jahr verlassen fast 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, 50 Prozent davon kommen von Förderschulen. Die Zahl hat sich seit zehn Jahren kaum verändert. Wie kann das sein?

Wir leben in einem System, das Stärkere mehr fördert als Schwache. In den vergangenen 20 Jahren wurde versäumt, sich Konzepte dagegen zu überlegen. Stattdessen wird alles auf die kleinste Ebene abgeschoben: die einzelne Schule und die Lehrkräfte. Aber die brauchen die richtigen Strukturen, um die Schwächsten fördern zu können: zeitliche Ressourcen, Qualifikationen und ausreichend Personal. All das ist nicht vorhanden. Der Lehrermangel trifft zum Beispiel die nichtgymnasialen Schulen aktuell viel stärker als die Gymnasien. Mit der Folge, dass an den Schulen der sozial Schwächeren mehr Unterricht ausfällt und mehr Quer- und Seiteneinsteiger unterrichten. Dies wird sich in den kommenden Jahren sogar noch verstärken. Dabei muss die klare Ansage doch lauten: Wir unterstützen die Schwächsten stärker als die Stärksten. Kinder aus Akademikerfamilien setzen sich im Bildungssystem so oder so durch.

Das Gymnasium gilt in diesen Kreisen als die einzig wahre Schulform. Haupt- oder Realschulabschlüsse werden da oft belächelt.

Das Gymnasium ist in Deutschland wie ein Naturgesetz. Mit dem Abitur stehen einem alle Türen offen: Man kann studieren, landet weniger wahrscheinlich in der Arbeitslosigkeit, kann auf höheres Einkommen und mehr Prestige hoffen. Es gibt Wege, diese Ziele mit einem Realschulabschluss zu erreichen. Aber die haben Hürden und bedeuten Umwege. Hauptschulen haben sich in einigen Bundesländern zu – überspitzt gesagt – sozialen Resteschulen entwickelt. Sie gelten mittlerweile als dysfunktional: Dorthin werden sozial benachteiligte und leistungsschwächere Schüler abgeschoben, denen keine Entwicklungschancen zugetraut werden. Dies könnte den Druck auf die Mittelschicht verstärkt haben, dass das eigene Kind unbedingt ein Gymnasium besuchen muss.

In Deutschland haben 37 Prozent der Menschen einen Fachhochschulabschluss oder Abitur, einen Real- oder Hauptschulabschluss haben zusammen 48 Prozent. Brauchen wir ein System, in dem alle Abitur machen können?

Es geht nicht darum, dass jeder Abitur macht und studiert. Es geht darum, dass allen Schülern alle Wege offenstehen. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Die Entscheidung, die Eltern am Ende der Grundschule treffen, ist wegweisend. Wenn man nach der zehnten Klasse doch noch aufs Gymnasium möchte, ist das nicht so einfach: In Realschulen ist eine zweite Fremdsprache zum Beispiel nicht Pflicht, an Gymnasien schon.

Würden Sie das dreigliedrige Schulsystem aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium abschaffen?

Dieses Modell gibt es so strikt ohnehin nur noch in Bayern. Trotzdem müssen sich Eltern nach der vierten Klasse entscheiden, auf welche weiterführende Schule sie ihr Kind schicken wollen. Dass wir Kinder so früh in gut, mittel und schlecht aufteilen – damit ist Deutschland ziemlich einzigartig. Andere Länder Europas regeln das direkt über Kurse, die sich je nach Kompetenzen der Schüler im Niveau unterscheiden. Dadurch kann sich die Schule den Stärken und Schwächen der Schüler anpassen. Ein solches System berücksichtigt die Entwicklungsphasen von Kindern und lässt mehr Spielraum für einen individuellen Bildungsweg.

Werden wir in Deutschland ein solches System bekommen?

Ich glaube nicht.

Warum so pessimistisch?

Ungleichheit wird selten von Betroffenen thematisiert. Und die, die nicht betroffen sind, thematisieren sie meist nicht entschlossen genug. Oder beharren zum Teil sogar darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Manche argumentieren ja, solche „Einheitsschulen“ seien Bildungssozialismus, der dazu führt, dass Kinder nicht mehr gefördert würden. Unser aktuelles Bildungssystem dient ganz einfach dazu, die behauptete Leistungsgesellschaft zu rechtfertigen. Und die rechtfertigt wiederum, dass es Ungleichheiten in Deutschland gibt. In Wahrheit fördert ein gegliedertes Schulsystem eine Klassengesellschaft. Und die wiederum rechtfertigt, dass an Gymnasien weder Inklusion noch Integration von Kindern mit Fluchthintergrund gelebt wird: Beide Gruppen erzielen in der Regel nicht die entsprechenden Leistungen für den Besuch eines Gymnasiums. Folglich sind Inklusion und Integration eine Aufgabe für die nichtgymnasialen Schulen – gerade da, wo der Lehrermangel am größten ist.

Sollten wir also stärker auf Gesamtschulen setzen?

Ein reines Gesamtschulsystem würde aus meiner Sicher eher dazu führen, dass private Schulen boomen und sich soziale Segregation noch mehr verschärfen würde. Schließlich wäre es für Eltern aus höheren Schichten dann noch wichtiger als bisher, an Schulen zu kommen, an denen der Anteil von Akademikerkindern besonders hoch ist. Gerade in den Großstädten würde sich das Schulsystem, glaube ich, noch stärker von einem formal gegliederten System zu einem quartiersbezogenen, sozial gegliederten System verschieben.

Bildung ist in Deutschland Ländersache. Sehen Sie Bundesländer, die es besser machen?

Hamburg hat ein zukunftsfähiges Modell entwickelt. Dort, wo die Kinderarmut am größten ist und die sozial schwächste Klientel lebt, bekommen Schulen mehr Geld und Lehrkräfte. Außerdem hat Hamburg das Recht auf Ganztagsbetreuung eingeführt – als einziges Bundesland. Und: Kein Kind muss dort die Klasse wiederholen. Hat ein Kind Probleme, setzt man sich stattdessen mit diesem und seinen Eltern zusammen und arbeitet ein individuelles Förderkonzept aus – das dann im Rahmen der Ganztagsbetreuung umgesetzt wird. An sogenannten Stadtteilschulen machen die Kinder dann nach der 9., 10. oder 13. Klasse einen Schulabschluss. Ich glaube, dass die positive Entwicklung der Hamburger Schüler im Vergleich zu anderen Bundesländern im vergangenen Jahrzehnt genau auf diese konsequente Förderung sozial benachteiligter Schüler zurückzuführen ist. Es gibt auch andere ähnliche Schulentwicklungsprogramme. Zum Beispiel „Schule macht stark“, das Talentschulprogramm in NRW oder Perspektivschulen in Schleswig-Holstein. So sehen Systeme aus, die ihre Schwächsten stärker unterstützen als die, die ohnehin privilegiert sind.

Marcel Helbig arbeitet als Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg.

Illustration: Raúl Soria

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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„Das Gymnasium ist wie ein Naturgesetz“

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13.10.2023

fluter.de: Das Bildungswesen in Deutschland wird seit Jahrzehnten ausgebaut. Junge Menschen bleiben immer länger im Bildungssystem, machen mehr mittlere und hohe Bildungsabschlüsse. Trotz dieser „Bildungsexpansion“ halten Sie das System für ungerecht. Warum?

Marcel Helbig: Kinder aus höheren Schichten haben deutlich größere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen, als die aus niedrigeren Schichten. Da fängt die Ungleichheit schon an. Die Entscheidung für oder gegen das Gymnasium wird oft damit begründet, dass Kinder mit Gymnasialempfehlung bessere Leistungen bringen würden. Und genau hier wird es kompliziert.

Weil?

Gute Schulleistungen werden nicht nur an vorhandenen Kompetenzen im Lesen oder Mathematik gemessen, sondern auch über Noten für Referate oder Klassenarbeiten. Darauf muss sich ein Kind gut vorbereiten können. Das setzt gerade in der Grundschule voraus, dass die Eltern das Kind unterstützen können. Können Eltern dies nicht, haben auch die Kinder schlechtere Chancen, gute Leistungen abzuliefern. Für Lehrkräfte ist es schwer zu trennen, welche Faktoren die Leistung eines Kindes beeinflussen. Und trotzdem empfehlen sie – basierend auf den gezeigten Leistungen – die weiterführende Schule. Leider setzen sich Eltern aus höheren Schichten eher darüber hinweg, wenn ihren Kindern keine Gymnasialempfehlung ausgesprochen wird, als solche aus niedrigeren Schichten.

Die Begriffe Schicht und Klasse fassen Menschen in ähnlicher sozioökonomischer Lage zusammen, die ähnliche Lebenserfahrungen und Bildungsabschlüsse machen – und somit ähnliche Werte, Lebensstile und Einkommen haben. Der Begriff Klasse betont dabei mehr das Ökonomische (wie der Klassenbegriff von Karl Marx) und deutet immer auch Konflikte und Machtbeziehungen zwischen den Klassen an. Schichten sind hingegen durchlässiger und mobiler.

Mehr zum Thema findet ihr im fluter-Heft „Klasse“.

Welche Faktoren begünstigen diese Ungleichheiten?

Ungleichheit beginnt mit der Geburt. Eltern von Kindern in höheren Schichten lesen ihren Kindern zum Beispiel mehr vor und sprechen mehr mit ihnen. Das führt dazu, dass diese Kinder einen größeren Wortschatz entwickeln als Kinder, die in niedrigeren Schichten aufwachsen. Ein anderes Beispiel: Kinder aus höheren Schichten nehmen früher an organisierten Sportangeboten oder Angeboten der musischen oder künstlerischen Erziehung teil. Die Kosten für solche Angebote sind jedoch nicht unbedingt der Hauptgrund, warum Kinder aus unteren Schichten diese Angebote seltener nutzen. Entscheidender scheint zu sein, dass Eltern höherer Schichten diese Angebote für wichtiger halten. Sicherlich kann man versuchen, dieses........

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