We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Kann man sich rein regional ernähren?

5 0 0
16.10.2019

Jeden Morgen laufe ich auf dem Weg ins Büro an Hassans Bioladen vorbei. Hassan trägt eine selbst gestrickte Wollweste, immer liegen Brötchen mit Körnerschrot im Schaufenster aus. Dahinter steht im Halbdunkeln an der Wand: „Regional ist 1. Wahl“. Und jeden Morgen überkommt mich kurz ein schlechtes Gewissen. Denn ich habe versagt.

Dabei begann alles mit schwungvollem Weltverbesserer-Optimismus: Die Idee war, sich für drei Wochen in der Großstadt ausschließlich von regionalen Produkten zu ernähren. Ich wollte wissen, was in meiner Umgebung wächst, welche CO2-Bilanz meine Ernährung hat, und eine klügere Konsumentin werden. Einfach alles besser machen.

Sollte nicht so schwer werden, dachte ich. Denn ich ernähre mich seit über 20 Jahren vegetarisch, habe eine Bioladen-Treuekarte mit stolzer Punkteanzahl, bin per Du mit den Jungs vom Urban-Gardening-Projekt nebenan und käme nie auf die Idee, im Dezember Erdbeeren zu essen. Weil ich mich also schon für eine bedachte Konsumentin hielt, wollte ich eine zusätzliche Herausforderung und begann meinen Selbstversuch im Winter. Meine Regel: Gleichbleibendes Budget (Volontärin in einem Verlag) für eine Ernährung, die nur noch aus regionalen Produkten bestehen sollte.

Regionale Ernährung ist eine ökologische und eine politische Entscheidung

Aber was bedeutet „regional“ eigentlich? Es gibt keine allgemeingültige Definition oder Beschränkung, alles ist Verhandlungssache. Mit einem selbst. Auf die Idee, wie ich in Berlin einen vernünftigen Radius bestimmen kann, bringt mich schließlich die von meinen „Woher genau“-Fragen gereizte Verkäuferin am Gemüsestand: „Hundertfuffzich Kilometer müssten ditt schon sein.“ Sonst müsse ich ja och auf die knackigen Kürbisse verzichten und nein, ditte könne ich ja nich wollen. Ich lasse also die Kürbisse entscheiden.

In der WG-Küche sortiere ich nach der neuen Umkreisbemessung mein Regal aus. Übrig
bleiben: getrocknetes Obst, ein Salatkopf, Teekräuter und ein paar Kartoffeln.

WG-Regalfach mit den Überbleibseln

So viele meiner Standardprodukte – auch die aus dem Bioladen – haben sehr weite Wege........

© Fluter