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Lektion in Lebensfreude

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10.10.2019

Ein Tag im Januar, dicke Schneeflocken fallen vom Himmel: Die Schweriner Altstadt liegt da wie im Winterschlaf. Im Haus der jüdischen Gemeinde brennt Licht, russische Sprachfetzen dringen durch die Tür, Dielen knarzen. Und William Wolff bittet in sein mit Papier- und Aktenstapeln gefülltes Büro. Seit die Berliner Filmemacherin Britta Wauer einen Dokumentarfilm über ihn gemacht hat, gilt der 90-jährige Wolff, der so gerne lacht, als vielleicht ungewöhnlichster Rabbiner Deutschlands. Vor allem ist da mal wieder ein Jude, der die Menschen inspiriert und über den geredet wird. Ein Gespräch über Identität und Veränderungen

Lieber Herr Wolff, geboren im Berlin der 20er-Jahre, wurden Sie in England nach der Flucht vor den Nazis zum Politikjournalisten. Mit über 50 Jahren ließen Sie sich dann zum Rabbiner ausbilden und arbeiteten zuletzt in jüdischen Gemeinden in Schwerin und Rostock. Wie kommt es, dass Sie sich anscheinend immer wieder neu erfinden?

William Wolff: Ich habe mich niemals neu erfunden. Ich musste dieses Land verlassen, sonst wäre ich in Auschwitz gelandet. Das verstehen Sie, oder?

Natürlich. Aber es ist ja schon ungewöhnlich, von der Millionenstadt London in die ostdeutsche Provinz zu wechseln – und vom Journalismus zum Rabbinertum. Wollten Sie denn schon immer Rabbi werden?

Ich weiß noch, wie wir in der Schule Berufsberatung hatten. Ich war 16 Jahre alt. Da habe ich gesagt, ich möchte entweder Journalist oder Rabbiner werden.

Mit 90 noch auf der Überholspur unterwegs – also mit 90 Jahren, nicht Stundenkilometern. Rabbi Wolff lebt zwischen drei Orten, fährt damit aber gut

Und dann haben sie 30 Jahre das eine und über 30 Jahre lang das andere gemacht. „Wenn irgendwas im Leben keinen Spaß mehr macht, dann habe ich immer dafür gesorgt, dass ich gewechselt habe“, erzählen Sie im Film „Rabbi Wolff“. Ist das Ihr Rat an Menschen, die Angst vor Veränderungen haben?

Einen allgemeinen Rat zum Thema Veränderung kann ich nicht geben, denn das hängt immer von den Umständen ab. Ich zum Beispiel konnte........

© Fluter