Von Fremden angefasst zu werden ist für viele ein No-Go. Und für andere ein Traum: Hände und Lippen auf sich zu spüren, nackt einen anderen nackten Körper zu fühlen, Haut an Haut, entspannt oder erregt.

„Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis“, sagt Lothar Sandfort. „Wie Essen und Trinken.“ Mit Anfang 20 hatte Sandfort einen Verkehrsunfall. Er überlebte, mit einer Querschnittslähmung und Erektionsstörungen. Sandfort musste sich sexuell neu ausrichten. Heute ist der Psychologe 73, Vater dreier Kinder und eine Koryphäe der Sexualbegleitung in Deutschland.

Das Konzept hinter der Sexualbegleitung ist einfach. Wer aufgrund einer Behinderung Pflege braucht, für den reduziert sich Körperkontakt oft auf Waschen und Anziehen. Wer derart fremdbestimmt lebt, soll mit Sexualbegleitung seine Lust ausleben können. In den 1990er-Jahren gründet Sandfort im niedersächsischen Trebel das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“. Das ISBB berät zu Sexualbegleitung, bietet Erotikworkshops für Menschen mit Behinderung an und bildet Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter aus.

Petra Winkler von der Beratungsstelle Pro Familia erinnert sich: „Vor zehn Jahren wollten alle Sexualbegleitung ausprobieren, mehr darüber wissen. Das war ein richtiger Hype.“ Seit mehr als 25 Jahren tauscht sich die Sexualpädagogin Winkler im Arbeitskreis „Sexualität und Behinderung“ mit Sozialpädagogen, Behindertenhilfe und Sexualberaterinnen aus. Der Hype blieb ein Hype. Mittlerweile würden die sexuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung gesellschaftlich wieder ignoriert und in den Familien sogar tabuisiert, sagt Winkler.

Ilkas Freundinnen sehen Sexualassistenz skeptisch. Sie wird’s wohl bald mal ausprobieren

Sexuell haben es geistig beeinträchtigte Menschen noch schwerer als Menschen mit körperlicher Behinderung. Viele werden wie Kinder behandelt und rechtlich bevormundet. Dabei brauchen Pflegebedürftige keine Zustimmung, um selbstbestimmt sexuell aktiv zu werden. Viele können ihre sexuellen Bedürfnisse und Wünsche allerdings nur durch Gesten und Bewegungen kommunizieren. Eine heikle Situation, sagt Winkler: „Sieht ein Betreuer beispielsweise eine Klientin bei der Selbstbefriedigung und geht ihr ohne eindeutige Erlaubnis zur Hand, begeht er eine Straftat.“

Menschen mit Behinderung sind gefährdet, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Zuletzt wurde im Sommer ein Pfleger in Berlin zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er sechs Frauen und Männer einer Wohngruppe missbraucht und vergewaltigt hatte. 2020 hatte sich ein Pfleger in Stuttgart gestellt, nachdem er sich an mehreren Frauen und Kindern vergangen hatte.

Sexualbegleitung ist kein geschützter Beruf. Jeder kann sie anbieten. Seit 2017 müssen Sexualbegleiter ihre Tätigkeit aber anmelden, da sie gesetzlich unter Sexarbeit fällt. Die ist in Deutschland seit Einführung des Prostitutionsgesetzes 2002 legal, wenn sie freiwillig und von Erwachsenen ausgeübt wird.

Wenn also sexuelle Dienstleistung nicht mehr als „sittenwidrig“ gilt und sogar als normales Gewerbe anerkannt wird, wo liegt das Problem? Immer noch ordnet die Gesellschaft bestimmten Körpern bestimmte Rollen zu: Wer aussieht wie die vermeintliche Norm, hat Sex. Wer nicht, hat keinen. An Körperbildern orientieren sich Moralvorstellungen: Viele sehen in Menschen mit Behinderung asexuelle Wesen – also keinen Grund, Sexualbegleitung für sie zu organisieren.

Ilka lebt in Berlin und sitzt im Rollstuhl: Die 45-Jährige hat Spastiken. Ihr Mann hat auch eine Behinderung, ist aber mobiler. „Er macht sich nicht viel aus Sex. Also hole ich mir woanders, was ich brauche.“ Online sucht Ilka nach Dates, die sie in Hotels trifft. Selten geht es nur um Sex. „Man lernt ganz unterschiedliche Leute kennen.“ Von Sexualbegleitung hat Ilka bislang nur gehört.

Sexualbegleitung ist kein geschützter Beruf. Pamina kommt trotzdem gut hin

„Am Anfang geht es eigentlich nie um Geschlechtsverkehr“, erklärt auch Sexualbegleiterin Pamina. Zuerst wird gekuschelt und gestreichelt. „Wer noch nie Sex hatte, geht nicht gleich aufs Ganze.“ Pamina wohnt im brandenburgischen Eberswalde. Sie ist eine der letzten von Sandfort ausgebildeten Sexualbegleiterinnen und mit 22 Jahren auffällig jung. Populäre Figuren der Sexualbegleitung wie die niederländische Sexualassistentin Nina de Vries stehen kurz vor dem Rentenalter.

Pamina kam über eine Reportage im Fernsehen auf die Sexualbegleitung, vorher hatte sie sich zur Modeberaterin ausbilden lassen. „Aber das war nichts für mich. Selbstliebe und sexuelle Weiterentwicklung interessieren mich viel mehr.“ Hemmungen im Umgang mit Sexualität hatte sie noch nie. Sie komme aus einer Hippiefamilie, sagt sie und lacht. Auch deshalb hätten aufdringliche Männer mit Pornovorstellungen keine Chance bei ihr.

Wie viele Professionelle Sexualbegleitung praktizieren, ist nicht klar. Das ISBB hat nach eigenen Angaben in 20 Jahren weniger als 100 Zertifikate ausgestellt. Für heterosexuelle Frauen wie Ilka fehlt es an geeigneten Angeboten: Die durchschnittliche Sexualbegleitung ist über 40 und weiblich.

Frauen fragen die Sexualbegleitung aber nicht nur mangels Angebot seltener nach. Manche von Ilkas Freundinnen haben Angst vor unsensiblen Begegnungen. Anderen fehlt das Geld. Pamina nimmt 150 Euro pro Stunde.

Trotzdem ziehen viele den sichereren Raum der Sexualbegleitung einem Bordellbesuch vor. Pamina nennt die Leute, die zu ihr kommen, „Ratsuchende“. Sie erklärt ihnen, was sie macht. Bei ihr soll der Körper zur Spielwiese werden, auf der man sich ausprobiert, um herauszufinden, was man braucht und vom Gegenüber möchte. Bei Prostituierten kauft man bestimmte Handlungen, zum Beispiel einen Blowjob. Was in anderthalb Stunden Sexualbegleitung passiert, entscheide sich spontan.

Deshalb sieht Pamina Sexualbegleiterinnen weder als „Huren“ noch als „Heilige“, die aus Nächstenliebe mit Menschen mit Behinderung schlafen. „Manchmal frage ich mich, warum manche als geistig behindert abgestempelt werden, während andere Leute sich wirklich wie Idioten verhalten.“ Laut UN-Behindertenrechtskonvention ist die dauerhafte Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen eine essenzielle Aufgabe für jede Gesellschaft. Damit das keine Theorie bleibt, sollten manche Menschen Sex auf Rezept bekommen, findet Pamina.

Chris Lily Kiermeier hält davon nichts. Sie findet Sexualbegleitung sogar desintegrativ. „Die Leute tun, als wäre das für Menschen mit Behinderung die einzige Möglichkeit, Lust zu leben und Intimität oder Sex zu haben.“ Kiermeier, 33, Münchnerin und Transfrau, lebt mit einer spinalen Muskelatrophie. In ihrem Blog „Sexabled“ klärt sie über Sexualität, Queerness und Behinderung auf und teilt Erfahrungen. Sex hatte Kiermeier auch ohne Sexualbegleitung. „Ich hab Sexualbegleitung genutzt, um was Neues zu lernen, zum Beispiel Bondage“, erzählt sie.

Anders als Pamina spricht sich Kiermeier explizit gegen Sex auf Rezept aus. „Ich finde nicht, dass man Sexualität in irgendeiner Form mit Krankheit gleichsetzen sollte.“ Das vermittele ein falsches Bild vom Leben mit Behinderung und verhindere Teilhabe. „Und wie soll ich nachweisen, dass ich sonst keinen Zugang zu Sexualität habe?“

Sexualbegleitung beschränkt sich nicht auf Menschen mit Behinderung. Es gibt Sexualassistentinnen, die aktiv werden, und andere, die nur beraten, wenn es Fragen zur Selbstbefriedigung oder Partnersuche gibt. Von sexueller Assistenz profitieren auch extrem Schüchterne. Menschen, die nach Missbrauchsfällen einen neuen Zugang zu ihrem Körper suchen. Oder Paare mit zu viel Druck im Alltag und zu wenig Lust, für die Sexualbegleitung eine Alternative zur Paartherapie ist.

Pro Familia empfiehlt deshalb, dass die Sozialhilfe oder die Krankenkassen die Sexualbegleitung in solchen Fällen finanzieren. In den Niederlanden übernehmen manche Kommunen bereits einen Teil der Kosten. Aber hierzulande tue sich in Sachen Kostenübernahme bislang nichts, beklagt Winkler. Um nach einer Misshandlung Traumata und selbstverletzendem Verhalten vorzubeugen, verschreiben Ärzte manchmal Sexualbegleitung. Selbst dann bleibe es der Krankenkasse überlassen, ob sie die Kosten trägt.

Dieser Text ist
im fluter Nr. 89
„Liebe“
erschienen

Für Behinderte ohne explizite Krankheitsgeschichte ist die Hürde, an ein solches Attest zu kommen, ungleich höher, also noch mal unwahrscheinlicher, dass die Kasse zahlt. Dabei steht in Artikel 3 des Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Das heißt, Menschen mit Behinderung dürfen ihre Persönlichkeit entfalten und sexuelle Beziehungen eingehen, auch wenn Eltern oder Betreuende, zum Beispiel Ärzte, dagegen sind.

Nach mehr als 25 Jahren bietet Lothar Sandfort seit Sommer 2022 keine Erotikworkshops und Ausbildungen mehr an. Auch die Beratungsangebote hat er mittlerweile eingestellt. Pamina will Sandforts Arbeit langfristig fortführen. Wie genau, ist offen. Warum, ist klar: Sexualbegleitung soll nicht nur als Therapie für psychisch oder physisch Behinderte verstanden werden. Es geht ihr um Augenhöhe. „Sex zeigt immer auch, wie die Machtverhältnisse in der Gesellschaft gelagert sind.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

QOSHE - Wie geil ist das denn - Celine Yasemin
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Wie geil ist das denn

8 0
11.02.2024

Von Fremden angefasst zu werden ist für viele ein No-Go. Und für andere ein Traum: Hände und Lippen auf sich zu spüren, nackt einen anderen nackten Körper zu fühlen, Haut an Haut, entspannt oder erregt.

„Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis“, sagt Lothar Sandfort. „Wie Essen und Trinken.“ Mit Anfang 20 hatte Sandfort einen Verkehrsunfall. Er überlebte, mit einer Querschnittslähmung und Erektionsstörungen. Sandfort musste sich sexuell neu ausrichten. Heute ist der Psychologe 73, Vater dreier Kinder und eine Koryphäe der Sexualbegleitung in Deutschland.

Das Konzept hinter der Sexualbegleitung ist einfach. Wer aufgrund einer Behinderung Pflege braucht, für den reduziert sich Körperkontakt oft auf Waschen und Anziehen. Wer derart fremdbestimmt lebt, soll mit Sexualbegleitung seine Lust ausleben können. In den 1990er-Jahren gründet Sandfort im niedersächsischen Trebel das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“. Das ISBB berät zu Sexualbegleitung, bietet Erotikworkshops für Menschen mit Behinderung an und bildet Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter aus.

Petra Winkler von der Beratungsstelle Pro Familia erinnert sich: „Vor zehn Jahren wollten alle Sexualbegleitung ausprobieren, mehr darüber wissen. Das war ein richtiger Hype.“ Seit mehr als 25 Jahren tauscht sich die Sexualpädagogin Winkler im Arbeitskreis „Sexualität und Behinderung“ mit Sozialpädagogen, Behindertenhilfe und Sexualberaterinnen aus. Der Hype blieb ein Hype. Mittlerweile würden die sexuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung gesellschaftlich wieder ignoriert und in den Familien sogar tabuisiert, sagt Winkler.

Ilkas Freundinnen sehen Sexualassistenz skeptisch. Sie wird’s wohl bald mal ausprobieren

Sexuell haben es geistig beeinträchtigte Menschen noch schwerer als Menschen mit körperlicher Behinderung. Viele werden wie Kinder behandelt und rechtlich bevormundet. Dabei brauchen Pflegebedürftige keine Zustimmung, um selbstbestimmt sexuell aktiv zu werden. Viele können ihre sexuellen Bedürfnisse und Wünsche allerdings nur durch Gesten und Bewegungen kommunizieren. Eine heikle Situation, sagt Winkler: „Sieht ein Betreuer beispielsweise eine Klientin bei der Selbstbefriedigung und geht ihr ohne eindeutige Erlaubnis zur Hand, begeht er eine Straftat.“

Menschen mit Behinderung sind gefährdet, Opfer sexualisierter........

© Fluter


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