We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Keine Stimme

1 0 0
20.09.2021

48 Jahre. So lange lebt Avni Kazanci schon in Deutschland. Mit 17 folgte er aus der Türkei seinem Vater, der in Berlin Gastarbeiter war. Fast genauso lange arbeitet er nun schon in Deutschland. Seit einigen Jahren in seinem eigenen Laden in Berlin-Kreuzberg: Im „Taka Fish House“ verkauft er frische Fischgerichte. Gewählt hat Avni aber noch nie in diesem Land, dessen Politik und Gesetze sein Leben bestimmen. Er darf nicht. Weder bei Bundestags- noch bei Kommunalwahlen. Weil er keinen deutschen Pass hat. Avni Kazanci könnte sich einbürgern lassen, um wählen zu dürfen. Dagegen sprechen für ihn aber einige Gründe, zum Beispiel müsste er seine türkische Staatsbürgerschaft aufgeben, um die deutsche anzunehmen.

„Wir hören immer, wir sollen uns integrieren. Aber ich bin schon so lange hier. Mein Sohn ist hier geboren. Das ist meine Heimat. Warum bin ich immer noch Ausländer?“, fragt Kazanci. An einem heißen Julimorgen sitzt er unter einem breiten Sonnenschirm schräg gegenüber von seinem Laden auf der Terrasse des „Café Kotti“. Neben ihm sitzen sein Sohn Serdar Kazanci und Ercan Yaşaroğlu, der das Café am Kottbusser Tor betreibt. Die drei Männer unterhalten sich, diskutieren, schlürfen zwischendurch an ihren Tassen und pusten Zigarettenrauch in die stickige Sommerluft. „Wir sind alle gleich“, sagt Yaşaroğlu. „Wir engagieren uns hier am Kotti, haben unsere Läden, verdienen unseren Lebensunterhalt. Aber nur einer von uns kann bei der nächsten Bundestagswahl seine Stimme abgeben.“ Die anderen beiden möchten die deutsche Staatsbürgerschaft nicht beantragen und haben daher kein Wahlrecht.

Yaşaroğlu kam 1982 als politscher Flüchtling aus der Türkei nach Kreuzberg und nahm 1987 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Seitdem ist er zu jeder Wahl gegangen. Wenn er davon spricht, sagt er, er wolle sein „demokratisches Recht nutzen“. In den Achtzigern, als die Regierung Kohl sogenannten Gastarbeiter*innen sogar Geld bot, um sie wieder in ihre Heimatländer zurückzuschicken, erzählt er, habe er schnell gemerkt, „dass ich lauter werden muss, wenn ich hier als Bürger anerkannt werden will“. Der Mann mit dem vollen grauen Haar und der schwarzen Brille ist nicht nur Cafébetreiber, sondern auch Sozialarbeiter. Seit Jahren setzt er sich für die Rechte von Menschen mit Migrationsbiografie in seinem Kiez ein, und sein „Café........

© Fluter


Get it on Google Play