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Plötzlich erfüllt dieses merkwürdige Event eine große Sehnsucht

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11.06.2021
Wie sehr machthungrige Funktionäre den Weltfußball im Griff haben, zeigt sich mit erschreckender Regelmäßigkeit. Den Höhepunkt erreicht das Trauerspiel mit dem Beginn der Europameisterschaft am Freitag. Ein positives Signal sendet das Turnier aber doch.

Für Romantiker der Sportart war Michel Platini in den 1980er-Jahren der Prototyp eines unangepassten Ausnahmefußballers. Mit weit über der Hose hängendem Trikot und der Kapitänsbinde in den Nationalfarben am linken Oberarm hob der Regisseur der „Équipe Tricolore“ das Spiel auf ein ungeahntes Niveau. Wie kaum ein anderer paarte er auf dem Feld zur Schau gestellte Coolness und technische Fähigkeiten. Nach seinem Triumph bei der Europameisterschaft im eigenen Land 1984 wollten viele Fans auf der ganzen Welt so sein wie der smarte Franzose aus Jœuf in Lothringen.

Die Karriere nach der Karriere indes verlief nicht mehr ganz so rund. Inzwischen muss Platini, 66, gar mit der Verbannung aus seinem geliebten Sport klarkommen, weil er sich als raffgieriger Funktionär erwies, fragwürdige Beraterhonorare in Millionenhöhe annahm und von der Ethikkommission des Weltverbandes für acht Jahre gesperrt wurde. Noch ehe die harte Sanktion griff, hatte er aber in seiner Funktion als Boss der Union of European Football Associations (Uefa) ein neues, seltsames Turnierformat auf den Weg gebracht: eine aufgeblähte EM 2020, die wegen der Corona-Pandemie um zwölf Monate verschoben werden musste.

Die am Freitag startenden paneuropäischen Titelkämpfe sind also so etwas wie sein letztes Vermächtnis an den Fußball. Platini hatte die Neuausrichtung des Turniers Ende 2012 gegen den Widerstand einiger Nationen und unter Vermeidung jeglicher Klimadebatten vom Uefa-Exekutivkomitee in Lausanne durchpeitschen lassen. Nun könnte das Projekt unverhüllt verdeutlichen, wie weit Funktionäre und Fans inzwischen bei ihrer großen Passion auseinanderliegen.

Was als völkerverbindendes Turnier zum 60-jährigen Bestehen des Wettbewerbs mit elf Ausrichternationen gedacht war, entpuppt sich dieser Tage als neuer Beleg........

© Die Welt


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