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Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Frank-Walters

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16.04.2022
Nahezu einmütig reagierten hierzulande Politiker und Journalisten auf die Ausladung von Bundespräsident Steinmeier durch den ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Dieser deutsche Ton gekränkten Nationalstolzes erinnert an die Abwehrreflexe autoritärer Regime.

Für Kommentatoren des politischen Geschehens ist das keine mit gutem Gewissen einfach zu beantwortende Frage: Ist es beglückend oder erschreckend, wenn sich die Wirklichkeit als exakt so furchtbar erweist, wie man sie ausgemalt hat? Vor einigen Wochen schrieb ich in anderer Funktion an anderer Stelle: „Die Solidarität der Deutschen mit der Ukraine könnte so schön sein, wir wären so mächtig stolz auf uns, würden da nicht immer diese Ukrainer dazwischengrätschen. Himmelherrgott, was erlaube Ausländer?“

Wenn es eines Beweises bedurfte, um diese Beobachtung – also die Selbstgerechtigkeit der deutschen Ukraine-Solidarität – zu bestätigen, haben die hiesigen Reaktionen auf die Steinmeier-Selenskyj-Affäre ihn erbracht.

Kaum einer in Deutschland versucht zu verstehen, warum der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj offenbar kein großes Bedürfnis verspürt hat, in dieser Situation einen Politiker zu treffen, der als Außenminister und zuvor als Kanzleramtschef von Gerhard „Gazprom“ Schröder eine gehörige Portion Mitverantwortung für das Fiasko der deutschen Russland-Politik trägt.

Keinem kommt in den Sinn zu fragen, ob es nicht unangemessen war, wie sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einen gemeinsamen Besuch des polnischen und der baltischen Staatspräsidenten reinschmuggeln wollte. Vergessen ist auch, mit welch kalter Gleichgültigkeit der Deutsche Bundestag jüngst Selenskyjs Videoansprache begegnete – mit Geburtstagsgrüßen und Geschäftsordnungsdebatte.

Stattdessen zeigen Politiker und Journalisten eines Landes, das oft – und fast immer zurecht – andere Länder wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert, dieselben Abwehrreflexe, dieselbe Mischung aus gekränktem Nationalstolz, staatstragendem Obrigkeitsdenken und kontrafaktischem Blödsinn, mit der für gewöhnlich Vertreter autoritärer Regime auf internationale........

© Die Welt


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