Cortinas Olympia-Phantom: Winterspiele für Nazis und Mussolini |
Für Gastgeber Italien sind es schon jetzt historische Heimspiele. Sechs Tage vor der Olympia-Schlusszeremonie im Amphitheater von Verona haben die Azzurri ihre bisherige Winter-Medaillenbestmarke von Lillehammer 1994 (20 Stück) bereits übertroffen. Cortina 2026 ist der Eintrag in die Geschichtsbücher also gewiss, genauso wie Olympia 1956 in Ampezzo, das heute für das Wiederaufblühen Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg steht und an das noch viel Symbolik hier im Ort erinnert.
Doch Cortina war auch Gastgeber weniger ruhmreicher Spiele, die man am liebsten überhaupt vergessen würde – und von denen heute kaum noch eine Spur zu finden ist. Hätte da nicht Max Vergani, der Kommunikationschef des italienischen Wintersportverbandes, ein Buch darüber geschrieben: „Cortina 41. Il Mondiale fantasma“, die Phantom-Weltmeisterschaft. Eine alpine und nordische Ski-WM im Jahr 1941, eine Art „Mini-Olympia“ mitten im Krieg, das später aus allen offiziellen Ergebnislisten gestrichen wurde.
Der Hintergrund: Noch vor dem Zweiten Weltkrieg waren Cortina die Winterspiele 1944 zugesprochen worden. Sie wurden abgesagt, worauf Mussolini auf die WM 1941 bestand, und das obwohl die Briten seinen Truppen in Nordafrika schon schwer zusetzten.
Sieger, die den Krieg nicht überlebten
So wehte dort, wo nun die neue Curling-Arena steht, ein riesiges Portrait des Duce, und dort, wo jetzt Cortinas olympisches Dorf die Athleten beherbergt, wartete der Schießstand für den Militärpatrouillenlauf, dem Vorläufer des Biathlon.
Auf den Pisten wurde Cortina 1941 zur Propagandashow der Achsenmächte. Aufnahmen zeigen, wie die deutschen Rennfahrerinnen um Christl Cranz nach ihrem Dreifachsieg in der Abfahrt auf dem Podest die Hand zum Hitlergruß recken. Auch die Skifahrer aus Österreich, allen voran Josef Jennewein aus St. Anton am Arlberg, räumten für Deutschland ab, die Konkurrenz bestand im Grunde nur aus einigen Athleten aus dem besetzten Norwegen, dem faktisch verbündeten Finnland, der neutralen Schweiz und dem wenig später überfallenen Jugoslawien. Am Ende gab es nur zwei Einträge im alpinen Medaillenspiegel: Deutschland (elf Medaillen) und Italien (7).
Nur Monate später sollte die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen, viele Stars der Cortina-Spiele überlebten den Krieg nicht. Jennewein ist 1943 als Kampfpilot in der Sowjetunion verschollen, der Abfahrtsdritte Rudolf Cranz und Skisprung-Champion Paavo Vierto starben an der Ostfront.
Nach dem Krieg strich der Internationale Skiverband die Cortina-WM aus den Ski-Annalen. Und Italien, das sich mit Olympia 1956 wieder Ansehen verschaffte und 2026 nun endgültig zur Wintersportmacht aufstieg, hatte kein Interesse mehr an der Aufarbeitung des größten Sportereignisses der Kriegszeit.
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