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Vorwürfe gegen Christopher Seiler: Gewalt darf man nicht auf Dämonen schieben

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Fangen wir mit einer Feststellung an: Es gibt keine Dämonen. Keine übernatürlichen Geisterwesen, die gute und brave Menschen befallen und sie hinterlistig zu heimtückischem und bösartigem Verhalten verleiten. Wer von seinen inneren Dämonen spricht, schiebt diese Fantasiewesen vor, um von seiner eigenen Verantwortung abzulenken. Als wäre er selbst nicht für eine Tat verantwortlich, die er gesetzt hat. Gerade dass er nicht das kleine Fehlerteuferl hervorholt, das da für einen kleinen Lapsus gesorgt hat. Upsi!

Eine junge Frau hat gegen den Musiker Christopher Seiler eine Anzeige wegen Körperverletzung eingebracht. Seine erste Reaktion in einem Instagram-Posting: „Ich bin bei Gott kein perfekter Mensch. So wie viele von uns kämpfe ich mit Dämonen.“ Und da waren sie schon, die mystischen Geisterwesen, die sich offenbar des armen Seiler bemächtigt hatten. Verbunden mit dem Eingeständnis, dass er halt nicht perfekt sei.

Dass das nicht reichen würde, war schnell klar. Also legte er mit einem Video-Statement nach. Einem Statement, das wie ein Drehbuch männlicher Selbstverteidigung wirkt. Er habe ihr, das erzählt er, Kokain auf die Lippen geschmiert. Das gehe nicht und sei in keiner Form entschuldbar – „egal in was für einem Zustand, egal wie illuminiert man ist“. Womit die Dämonen eine weltliche Form bekommen, die einer illegalen Substanz.

Es ist die Crux, wenn – oft männliche – Rechtfertigung in die Richtung geht, ein Problem nicht zu benennen, sondern die Verantwortung auf äußere Umstände zu schieben. Seien es wie im konkreten Fall Drogen, seien es wie in vielen anderen Fällen „die Umstände“. Vielleicht, heißt es dann gerne, sei eine Betroffene ja aufreizend gekleidet gewesen. Da könne man als Mann ja gar nicht anders – und vielleicht, so schwingt es mit, habe es die Frau ja sogar darauf angelegt.

Man kann Christopher Seiler zugutehalten, dass er im Video sagt, dass sein Verhalten in unserer Gesellschaft keinen Platz habe. Dass man damit kein Vorbild sei. Dass es ihm leidtue. Und er die Konsequenzen tragen müsse und werde. Und doch bleibt ein Beigeschmack, wirkt die Rechtfertigung wie aus einem Drehbuch – Demutsgesten darbieten, ins Büßergewand schlüpfen. Das wirkt in einem eventuellen Verfahren vor Gericht.

Ein einmaliger Ausritt?

Gleichzeitig setzt er aber ein oft verwendetes Framing. Dass es ein „Fehler“ gewesen sei. Ein einmaliger Ausritt. Jener Christopher Seiler, der sich 2017 in einem Spottvideo über #metoo lustig gemacht hat. „In die Augen hat ihr wer g’schaut vor zehn Jahren! Und jetzt ist sie traumatisiert!“, meinte er da. Und dass in der Debatte Vergewaltigung und Belästigung einfach in einen Topf geworfen würden.

Im konkreten Fall setzt er auch zum Angriff an. Auf „Schauergeschichten“, die „der Sensation halber“ erfunden würden. Und dreht damit den Spieß um – nach der Demutsgeste kommt der Angriff, inszeniert sich Seiler selbst als Opfer. „Die letzten zwei Wochen haben sich jetzt nicht gut angefühlt.“ Nun, wie mag es sich in den letzten zwei Wochen für die betroffene Frau angefühlt haben?

Und er sagt, dass es bei dem Vorfall „keine körperliche Gewalt“ gegeben habe. Aber was ist es dann, einer Frau gegen ihren Willen eine illegale Substanz auf die Lippen zu schmieren? Und nein, illuminiert zu sein entschuldigt das nicht. Das ist in so vielen Fällen das Dilemma: Gewalt beginnt nicht erst dort, wo jemand verprügelt wird, und man hat es nicht erst bei Vergewaltigung mit Missbrauch zu tun. Wichtig wäre zunächst einmal eines, nämlich das Problem zu benennen. Und das ohne Dämonen. Der korrekte Satz wäre: Ich habe einer Frau Gewalt angetan.

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