Karfreitag – eine leise Liturgie |
Karfreitag: Die leise Liturgie
Karfreitag. Die Stadt wirkt langsamer heute, als hätte jemand das Licht ein wenig gedämpft. Schritte fallen sanfter auf das Pflaster, Blicke verweilen ein kleines Stück länger. Die Menschen scheinen sich selbst beim Glauben zuzusehen.
Manche herzlich. Manche prüfend. Manche aggressiv. Manche sanft.
Und ich? Mir ist es im Grunde Latte. Naja. Nicht ganz. Immerhin die Erkenntnis, dass ich jede Form der Spiritualität, ganz gleich welcher Konfession auch immer, wohl immer nur so viel wert ist wie jene, die es aktuell gerade ausüben, während sie einem vor der Linse stehen.
Ich gehe weiter. Höre Musik. Nicht irgendeine. Sondern solche, die auf den ersten Ton wie ein vertrauter Choral klingt. Die einem erzählt: Es darf auch anders sein.
„The world is on fire, a funeral fire!“ In harschen Zeiten, wenn alle Werte schwanken und selbst der Weisesten Worte ungehört verklingen, ist der Moment für die Rückkehr von Papa Emeritus nimmer fern. In mittlerweile x-ter Fleischwerdung macht er nicht nur Vishnu Konkurrenz, sondern samt seines Pandämoniums namenloser Ghouls auf den Petruskreuzweg.
Welche Scheibe greifen wir heraus?
„Meliora“ aus dem Jahr 2015.
Aus meiner Sicht ihr Meisterwerk.
Mithin drehet alle Kreuze Versammelt alle schwarzen Schafe.
Zehn erfrischende Kantaten in Nomine Diaboli beugen das Knie vor dem ewigen Versucher und bieten großes Theater zwischen Metal, Prog und hymnischem Melodic Dark Rock – dabei so charmant, man vergisst, dass man eigentlich provoziert wird.
Zehn Lieder, die sich wie Psalmen anfühlen könnten, ein bisschen verdreht, ein Hauch seltsam, ein bisschen zu niedlich, um ernsthaft gefährlich zu wirken. „Monstrance Clock“ war schon ein Klassiker.
Die splatternd-klischeehafte Verrohung in Zeile und Sound, die sich so manch typische Extrem-Metal-Kombo mühsam mit drogeninduzierter Retardierung oder einem Cocktail aus Persönlichkeitsstörungen erarbeiten muss, ist für diese Jünger des Leibhaftigen keinerlei Thema.
Viel lieber setzen sie auf schmeichelnde Melodien und eine sich ihnen unterordnende farbenprächtige Bandbreite.
Ein großer Teil des Charmes ihrer Inszenierung besteht im durchgehenden Imitat eines Gottesdienstes mit vertauschten Prämissen. Fast alle dieser satanischen Verse funktionieren dabei wie Psalmen, (un)heilige Lobpreisungen oder romantische Liebeslieder, die man genau so gut bei der Huldigung im Gotteshaus verwenden könnte. Der Name des Teufels wird nie genannt, sondern steckt im Detail. Nichteingeweihten käme dies gar wie Sakro-Rock oder White Metal vor. „He is the shining in the light / Without whom I cannot see / He’s the force that made me be.“
Dieser künstlerische Wolf-im-Schafspelz-Ansatz macht das Gebotene so effektiv. Radiohörer, Mainstreampublikum und sogar die kirchentreu mitträllernde Schwiegermutter können unmerklich ebenso leicht in den Bann der Lieder geraten, wie gestandene Kuttenträger. Allein für diese Pointe muss man Ghost schon lieben. Spätestens wenn zwischendurch ihre gleichzeitig........