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Im Zeichen des Stachels – eine Kolumne für Sting

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12.06.2026

17. 6. 1985: Als Sting kurz vor seinem umjubelten Wembley-Auftritt beim Live Aid-Gig seine erste Soloplatte „The Dream of the Blue Turtles“ veröffentlicht, ist das Erstaunen beträchtlich. Fans wie Medien erwarteten eine Fortführung des Reggae-/Wave-lastigen Poprocks der frisch dahingeschiedenen The Police. Der Erwartungen jedoch enttäuscht Gordon Matthew Thomas Sumner mit einiger Berechtigung nur allzu gern.

„The Dream Of The Blue Turtles“ kidnappt stattdessen Pop ins Reich des Jazz und erzählt unerhört melodische Geschichten über Kriegsgreuel, psychotischen Wahn, Gossenelend von Junkiea, Blutsaugern und natürlich ein paar traumhaft blauen Reptilien.

Denn was sogar auf echten Meilensteinalben eine seltene Eigenschaft ist: All Killer, no fucking Filler!

Jedes einzelne Stück verkörpert ein kleines Zimmer im ewigen Tower of Song.

„Free, free, set them free!“ Ja wen eigentlich? Zum einen das das Individuum in seiner Beziehung sowohl voneinander als auch füreinander. Quasi die alte Weisheit „What you will cling to, you will lose“ auf 4 Minuten Sommerhitstrecke.

Zwei Jahre zuvor war er mit The Police noch bei Jungs „Synchronicity“. Widerspruch oder folgerichtige Ergänzung? Die kann wohlmöglich ohnehin nur jeder für sich selbst beantworten.

Was hat er damit musikalisch befreit?

Genau, den Jazz aus seinem guttteils leider selbst gewählten Ghetto nerdy abgehobener Hochgestochenheit.

Den Mitte der 80er etwas arg synthiefixierten Pop hingegen bricht er aus dem stetigen Verdacht plastinierter Seichtheit heraus.

Alles scheinbar mühelos und ganz nebenbei.

So etwas kann natürlich nur klappen, sofern das Team absolut funktioniert und im Studio oder auf der Bühne zu einer Kreatur wird, einem einzigen Leviathan of Sound.

Genau das passiert, hört doch nur selbst.

Die Instrumente etwa genießen ausnahmslos die Freiheit, besonders in den Strophen, so frei wie uneingeschränkt agieren zu können.

Dadurch mischen sie gemeinsam die klassisch gewohnte Songstruktur im Kopf des Publikums auf. Es entsteht – etwa im Vorzeigetrack „Children’s Crusade“ ein wahrer Notendschungel, der trotz aller überbordend strömenden Komplexität in jeder Sekunde leicht konsumierbar bleibt.

Ein jeder kann die Probe aufs Exempel für sich selbst machen.

Man muss nämlich lange denken, bis einem überhaupt eine Platte einfällt, die zwar einer streng rahmenden Choreographie folgt, letztere dabei so geschickt verbirgt, dass beim Hörer mindestens zwischendurch der Eindruck spontan gejamter Studio-Improvisationen entsteht.

Solch klangfarbenfrohem Dschungeltreiben setzt Sting sein Händchen für erdende, sehr eingängige Refrains entgegen.

Mitunter als zart-lieblicher, dann wieder als opulenter Ohrwurm dargeboten.

Die Kirsche auf der Torte:

Trotz aller Eingängigkeit entreißt er durch die Gesamtkonzeption jeden einzelnen Chorus des Albums dem normalerweise unerbittlich drohenden Diktat popkultureller Halbwertszeit.

Zum Nachhören bietet sich diesbezüglich „We Work The Black Seam“ (ebenfalls erschienen im Juni 1986 als letztes Single das Albums) an. Auch nach 40 Jahren klingt der Kehrreim „One day in a nuclear age they may understand our........

© Die Kolumnisten