Dreadful Great – Das Gesamtkunstwerk Grateful Dead zum Tode von Bob Weir

Über 60 Jahre Grateful Dead! Mittlerweile haben nahezu alle Gründungsmitglieder die Lichtung am Ende ihres Pfades erreicht. Nachdem nunmehr auch Bob Weir das psychedelische Gebäude verließ und ihr Frontman Jerry Garcia bereits 1995 die letzte Tüte rauchte, verbleibt Bill Kreutzmann als Last Man Standing.

Das schreit nach angemessener Würdigung.

Nur wie?
Bzw. wo denn mal andocken?

Dann sind wir ehrlich: trotz dieses großen Namens, ist der musikalische Output der breiten Masse nahezu unbekannt.

Bei der Frage: nenne doch mal deine drei Grateful Dead Lieblingslieder, achwas, nur eines, bleibt man relativ alleine im Regen stehen.
Dieser Umstand liegt darin begründet, dass sich the Grateful Dead im Grunde nicht an einen Konzept der Hitlisten oder der chart-klopper orientierten, sondern vor allem Stimmungen innerhalb der Songs ausloten, Facetten, welche mitunter psychedelisch komplett ausufern können.

Zunächst einmal benötigen wir mithin eine aussagekräftige Zusammenstellung, die den Begriff „Best of“ repräsentiert.
So richtig taugt von Dutzenden nur eine.

Die vorliegende Sammlung wird der musikhistorischen Bedeutung der Band in jeder Sekunde gerecht.

Grateful Dead – „The Best Of The Grateful Dead“ aus dem Jahr 2015

Der weltweit umfangreichsten Live-Diskografie aller Zeiten stehen nämlich lediglich 13 Studioalben gegenüber, die es gleichwohl in sich haben. Diese Periode von 1967 bis 1989 würdigt die Compilation mit insgesamt 32 Tracks. Heraus kommt ein musikalisches Filetstück der Sonderklasse. Von psychedelischen Pop-Perlen über ausufernden LSD-Rock bis hin zu einer echten Suite reihen sich vielfältige Edelsteine aneinander, die man Novizen wie alten Hasen bedenkenlos ans Herz zu legen vermag.

Ab geht es.

„The Golden Road (To Unlimited Devotion)“ und „Cream Puff War“ („The Grateful Dead“ 1967) belegen eindrucksvoll, wie weit man seiner Zeit bereits auf dem Debüt voraus war. Sie vereinen das große Talent für catchy Popmelodien mit herrlich verschrobener Psychedelik, die sich sonst fast nur bei den ganz frühen Pink Floyd noch mit Syd Barrett oder ähnlichem NLfindet. Besonders die Wahl von Soundhexer David Hassinger als Produzent (u.a. Jefferson Airplanes Meilenstein „Surrealistic Pillow“ samt Kulttrack „White Rabbitt“, oh ja.) zahlt sich für Grateful Dead hörbar aus.

Eine Sonderstellung nimmt der Song „Dark Star“ (1968) ein. Das knackige Stück erscheint lediglich als Single-Release und findet sich auf keinem regulären Album. Dennoch entwickelt es sich zu einer ihrer beständigsten Visitenkarten, die Grateful Dead live gern auf mehr als 30 Minuten Spielzeit dehnen. Besonders Bassist Phil Lesh liefert sich hier ein herrliches Ringen mit Garcias jazzy angeschlagener Axt.

Neben Jack Bruce von Cream ist Lesh weltweit einer der ersten Musiker überhaupt, der sich vom reinen Rhythmuskorsett befreit und bereits ab 1965 den Bass als melodisches Leadinstrument einsetzt.

Mit den beiden wichtigen Alben „Workingman’s Dead“ und „American Beauty“ (beide 1970) stellen sich die Dead auf eine Stufe früher Pioniere der Genrevermischung im Bereich Blues/Folk/Rock/Jazz. Berühmte Platten von Kollegen wie Van Morrison („Moondance“) oder der befreundeten Crosby, Stills, Nash & Young („Deja vu“) landen in der Gunst der Rolling Stones-Leserschaft im selben Jahr sogar hinter Garcia und Co. Das muss man erstmal schaffen.

Dabei entstehen Hits wie die hier vertretenen „Truckin'“ oder das großartige Mandolinenstück „Friend Of the Devil“ unter echten Survivalbedingungen. Nicht nur, dass ihr Manager die Truppe um 155.000 Dollar erleichtert. Der Dieb ist zu allem Überfluss auch noch der Vater von Drummer Mickey Hart. Die Liebe Familie, wir kennen es alle.

Gleichwohl sollten filigrane Folksongs dieser Phase sicherlich auch jeden Fan moderner Combos wie Fleet Foxes etc gewinnen.

Ganz anders kurz darauf das fast 20-minütige „Terrapin Station“ vom gleichnamigen 1977er Album. Mit klassischem Orchester lotet die famose Suite besonders Prog- und Artrock aus. Jeder Freund von early Genesis oder Yes sollte den Dialog der Streicher und Bläser mit Bill Kreutzmanns perkussivem Getrommel und Garcias glühenden Licks zu schätzen wissen. Es ist sogar noch sinnlicher als bei den britischen Kollegen. Denn dort wo yes und besonders die frühen Genesis immer etwas verkrampft asexuell verkopft wirkten, geht es hier auf der sinnlichen Ebene komplett ab.

Sogar schwächere Alben wie „Shakedown Street“ (1978) oder „Go To Heaven“ (1980) hinterlassen dank passend erwählter Melodic Rock Nummern wie „I Need A Miracle“ einen positiven Eindruck.

Dennoch steigert sich die Best Of zum Ende sogar um ein weiteres Mal. Das liegt vor allem an den drei Aushängeschildern ihres superben Spätwerks „In the Dark“ (1987). Keine andere Studioplatte der Leichentruppe kommt ihrem perfekten Livesound so nah. Kein Wunder! Für die Aufnahmen mieten die Perfektionisten kein Studio. Stattdessen simulieren sie im Marin County Auditorium einen kompletten........

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