Im Alten Griechenland
Ich hatte mich auf eine lange Reise begeben. Mein Ziel war der Anfang, die Quelle des Stroms, von dem wir uns heute noch ernähren. Die Gegend, die ich erkunden wollte, deren Bewohner ich kennenlernen wollte, lag ganz im fremden Inneren unserer Welt, die Reise war zugleich eine Wanderung auf höchste Berge wie sie eine Erkundung tiefster Erdschichten war.
Die Leute, die ich treffen wollte, sprachen eine fremde Sprache, auch wenn mir viele Worte, die sie hatten, vertraut vorkamen, wusste ich doch, dass ich den Bedeutungen, die ich kannte, nicht trauen konnte. Zwar gab es viele freundliche Dolmetscher, aber ich hielt es für klug, mir ein paar dicke Wörterbücher einzupacken, mit deren Hilfe ich den Sinn dessen erkunden wollte, was mir die Weisesten der Leute dort, wie ich hoffte, anvertrauen würden.
Ohne Halt hatte ich mich fast bis ganz in den innersten und ältesten Bezirk dieses Landes begeben. In Milet traf ich einen einsilbigen, mürrischen Alten, den sie als einen der Weisesten bezeichneten. Er hieß Thales. Er schaute nicht auf, als ich sein Haus betrat und ihn ehrfurchtsvoll grüßte.
Was sollte ich ihn fragen? Was könnte die erste, wichtigste Frage sein, die ich auf meinem Weg als Antwort bräuchte. Diese Frage zu finden, schien mir das schwierigste überhaupt zu sein. Was mochte wohl für Thales das Schwierigste sein? Ohne noch länger weiterzugrübeln, fragte ich ihn genau das: Was ist für Dich, Thales, das Schwierigste?
Er schaute hoch, sah mich an und lächelte. Dann antwortete er:
Τὸ ἑαυτὸν γνῶναι.
To heauton gnonai.
Mein erster Versuch, diesen Satz zu verstehen, ergab „Das Sich-selbst-Erkennen“. Allerdings konnte ich das Verb γιγνώσκω (gignósko), zu dem γνῶναι gehörte, auch mit „kennen“ oder „kennenlernen“ übersetzen. Es geht also nicht um Erkenntnis im Sinne der Wissenschaften, für das es ja das Wort επιστήμη (epistéme) gab, das mit dem Verb ἐπίσταμαι (epistamai) zusammengehört, das erkennen, sich-auskennen, sich-auf-etwas-verstehen bedeutet.
Ich beschloss, die Bemerkung von Thales so zu verstehen, dass er es für das Schwierigste ansah, sich selbst zu verstehen, sich selbst kennenzulernen, mit sich selbst vertraut zu sein. Vielleicht in dem Sinne, dass es kaum möglich sei, nicht von sich selbst, seinen eigenen Wünschen und Handlungen überrascht zu sein? Meinte er, dass es schwierig sei, die eigenen Gründe für Hoffnungen oder Ängste zu durchschauen?
Aber wenn das so schwierig wäre, wenn es sogar das Schwierigste wäre, wie sollte man dann andere verstehen? Oder die Welt da draußen, mit den vielen unbekannten Dingen und Ereignissen, die alle miteinander zusammenhängen?
Der Alte schwieg. Na, das war ja ein gelungener Anfang meiner Reise. Vielleicht sollte ich doch irgendwo anders beginnen? Ich beschloss, ein bisschen in der Nähe zu bleiben, über die Antwort von Thales weiter nachzudenken und andere Weise in der Umgebung aufzusuchen.
In Sparta traf ich einen weisen Mann, der auch nicht viel gesprächiger war als Thales. Er hieß Chilon. Die Einsilbigkeit war in diesem Landstrich, der Lakonien genannt wurde, typisch. Die Leute lebten spartanisch und gaben lakonische Auskünfte.
Chilon war einer von ihnen und er sagte nicht viel. Also ich ihn fragte, was ich tun sollte, um ein weiser Mensch zu werden und die Welt zu verstehen, antwortete er nur:
Γνῶθι σαυτόν
Gnothi sauton!
Auch wenn Chilon einen anderen Dialekt als Thales sprach, brauchte ich gar nicht ins Wörterbuch zu schauen, um ihn zu verstehen. Γνῶθι gehört auch zum Verb γιγνώσκω (gignósko), das mich schon seit meinem Treffen mit Thales beschäftigte. „Verstehe oder erkenne dich selbst!“, „Lerne dich selbst kennen!“ – das war der Rat des weisen Chilon. Also genau das, was Thales als das Schwierigste bezeichnet hatte, sollte die Aufgabe sein?
So sehr ich überlegte, ich kam immer wieder zu dem Ergebnis, dass es eigentlich doch das Einfachste sein müsste, sich selbst kennenzulernen. Schließlich habe ich zu mir selbst den besten Zugang, ich kann mich am besten bei allem beobachten. Es ist allerdings kein Kinderspiel, denn man konnte sich über sich selbst täuschen, man konnte sich selbst etwas über sich selbst vormachen. Aber wenn man nur ehrlich zu sich selbst war – warum sollte es so schwer sein, sich selbst zu verstehen?
Als ich mich von Chilon verabschiedet hatte und ich mich gerade wieder auf den Weg machen wollte, sah ich zwei Leute, von denen der eine zum andren sagte
Γνῶθι καιρός
Gnothi kairós!
Ich wusste, dass es sich um eine Redewendung handelte, mit der der eine den anderen ermahnen wollte, den richtigen Zeitpunkt für eine Handlung oder Entscheidung nicht verstreichen zu lassen. Man könnte sie mit „Erkenne die Gelegenheit!“ übersetzen. Da wurde mir klar, dass γιγνώσκω (gignósko), als „erkennen“ natürlich einen etwas anderen Bedeutungs-Schwerpunkt hat als das Erkennen bei der Erkenntnis! Es ist z.B. das Erkennen einer anderen Person, einer Gelegenheit, eines Umstandes.
Sollte ich den Rat „Erkenne dich selbst“ eher so deuten, dass er mich auffordert, mich als mich selbst wahrzunehmen? Geht es gar nicht in erster Linie um die Ausforschung meiner Beweggründe und der Struktur meines „Selbst“, sondern eben erst mal darum, mit mir selbst so vertraut zu werden, dass ich mich in dem, was ich tue, denke, wünsche und fürchte, selbst erkenne? Natürlich ist das dann auch ein Verstehen, ein Selbst-Verstehen entsprechend meines richtig erkannten Selbstverständnisses. Irgendwie passte das auch wieder zu dem, was ich schon bei Thales gedacht hatte.
Auf jeden Fall war mir Chilons Rat nun sympathisch und plausibel. Wenn ich mich selbst verstehe, so dachte ich, dann verstehe ich ja schon........
