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Die ewige Bestie in uns

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13.10.2019

Von Unterhaltungen mit seinen Großeltern über Juden und den deutschen Antisemitismus berichtet Kolumnist Henning Hirsch

Nach dem Attentat in Halle diskutiert Deutschland mal wieder über seinen Antisemitismus. Das ist zum einen begrüßenswert, zum anderen staune ich oft, wie erstaunt manche Bürger tun, wenn solch eine Tat wie die vom vergangenen Mittwoch von einem Judenhasser mit biodeutschen Wurzeln verübt wird. Denn wir haben uns ja angewöhnt, den Antisemitismus – unter der Voraussetzung, dass er in unserem schönen und aufgeklärten Land überhaupt existiert – den Flüchtlingen aus dem arabischsprachigen Raum in die Schuhe zu schieben. Wir Deutschen selbst sind seit dem 8ten Mai 1945 geläutert und tolerieren von Stund an und in alle Ewigkeit sämtliche Glaubensbekenntnisse. Gemäß dem Fritzschen Credo: „Soll jeder nach seiner Façon selig werden“.

Dass wir aufgrund der leidvollen Erfahrungen mit zwei Weltkriegen und den beiden Diktaturen von NSDAP und SED von unserer wilhelminischen Zwangsvorstellung nach autoritärer politischer Führung ein für alle Mal kuriert sind – diesem Irrglauben habe ich mich lange Zeit hingegeben. Mit jedem weiteren Erstarken der AfD wird mir jedoch immer klarer, dass unsere repräsentative, Minderheiten respektierende und schützende, Demokratie nicht ewig halten muss. Vielleicht erträgt sie die Schläge, die ihr täglich von Rechtsaußen zugefügt werden, vielleicht auch nicht. Wohin die Reise geht, hängt stark davon ab, in welche Richtung das Gros der Wähler – auch unter der Bezeichnung „die bürgerliche Mitte“ geläufig – tendieren wird. Wenn man den Menschen jeden Tag einen Cocktail gemixt aus Zukunftsangst und Kulturparanoia serviert, wird es erfahrungsgemäß nicht allzu lange dauern, bis die Sehnsucht nach einem starken Führer, die in vielen von uns schlummert, wieder erwacht. »Jetzt übertreiben Sie maßlos, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Mag sein, dass ich an dieser Stelle etwas übertreibe und zu schwarz male. Mit zunehmendem Alter stelle ich leider pessimistische Anwandlungen bei mir fest.

Kam der Wunsch weiter Bevölkerungskreise nach Stärkung der Exekutive, bei gleichzeitiger Schwächung von Parlament und Judikative, zugegebenermaßen überraschend für mich, so habe ich mir seit früher Jugend nie Illusionen über unseren angeborenen Antisemitismus gemacht. Er wird uns mit dem Christentum in die Wiege gelegt (was nicht zwangsläufig bedeutet, dass nicht auch Atheisten üble Judenhasser sein können), wir saugen ihn mit Muttermilch und Religionsunterricht ein. An unseren Stammtischen philosophieren wir mal weniger, mal mehr alkoholisiert über die geradezu unanständige Finanzmacht der Rothschilds und halluzinieren in den einschlägigen Foren eine jüdische Weltverschwörung herbei. All das ist nicht neu, gibt es seit zweihundertfünfzig Jahren, als man begann, die ursprünglich auf das Gebetsbuch zielende Abneigung auf zusätzliche Bereiche auszudehnen.

Dass die Juden immer viel Geld hatten, knauserig waren und stets abgeschottet unter sich blieben, wussten bereits meine Großeltern hinter vorgehaltener Hand zu berichten, weshalb sie nicht ganz unschuldig an ihrem, im Rückblick zugegebenermaßen nicht so erfreulichen,........

© Die Kolumnisten