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Sagen, was man denkt

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19.06.2021

Die BILD startet eine irrwitzige Aktion. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Nach einer Allensbach-Umfrage haben nur noch 45% der Befragten das Gefühl, die politische Meinung in Deutschland frei äußern zu können. Mit Gefühlen ist das so eine Sache, denn Gefühle müssen mit der Realität nicht viel zu tun haben.

Aber genau mit der Behauptung, man könne in Deutschland seine Meinung nicht mehr frei äußern, machen seit Jahren gerade diejenigen Stimmung, die ihre Meinung am lautesten äußern. Heute wird nämlich nicht etwa derjenige beachtet, der sich seinen Mitmenschen gegenüber korrekt verhält, der seine Meinung begründet vorträgt, sondern derjenige, der jeden Anstand vermissen lässt, der laut ist, der schreit. Es ist die Stunde der Pöbler und Hetzer. Die sozialen Netzwerke sind seit ihren Anfangstagen allen Algorithmen zum Trotz längst zu asozialen Hetzwerken mutiert. Der Idiot, der früher besoffen an der Theke hing und Adolfs Geburtstag feierte, den aber niemand ernst nahm, weil jeder seinen geistigen Horizont kannte, gründet heute eine Facebookgruppe und fühlt sich wie der Führer einer Widerstandstruppe. Und jeder Vollidiot, über den man früher nur gelächelt hätte, findet heute Follower und Unterstützer. Je schlimmer der Tabubruch, um so höher der Effekt. Wenn es also um das Gefühl geht, wie viel Meinungsäußerung möglich ist, dann ist es mein persönliches Gefühl, dass die Grenzen sich in eine Richtung verschoben haben, die eher ein ungutes Mehr als ein Weniger bedeutet. Aber auch das ist nur mein Gefühl. Nicht mehr und nicht weniger.

Jeder Dreck wird heute mit dem Zusatz, „das wird man doch noch sagen dürfen“ heraus posaunt. Und das ist rechtlich in sehr vielen Fällen auch zulässig. Es verletzt zwar die Regeln des Anstands, aber das sind eben keine rechtliche Regeln. Das wird man doch noch sagen dürfen, ist die Parole dieser Leute, die etwas sagen, von dem sie behaupten, man dürfe es nicht sagen und sich dabei dann vorkommen, als seien sie die Helden der Meinungsfreiheit. Das wird man doch noch sagen dürfen! Und wer ihnen widerspricht und an nur an die simpelsten Regeln des Anstandes oder der Pietät erinnert, dem wird entgegengehalten, dass die entsprechende Äußerung doch der Meinungsfreiheit unterfällt, was sie meistens tatsächlich tut. Ja, ist ja gut, sie dürfen das noch sagen und damit ist ihr Argument,........

© Die Kolumnisten


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