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Regeln Sie was wichtig ist

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30.01.2021

Bestimmen Sie selbst, was passieren soll, wenn Sie selbst nicht mehr bestimmen können. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz

Bild von Thomas G. auf Pixabay

Corona hat den Tod wieder in die Gedanken der Menschen zurückgebracht. Auch wenn dieses Virus nicht das tödlichste ist, hat es doch wegen seiner weltweiten Verbreitung überall seine Spuren hinterlassen. Und dazu gehört auch die Angst an Covid19 zu sterben. Oder auch die Angst an einer Impfung zu sterben. Die Angst beatmet zu werden und die Angst, nicht beatmet zu werden. Die Angst vor der Intensivstation und die Angst, kein Intensivbett mehr zu bekommen. Nachdem Leben und Tod lange nur in Krimis von Interesse waren, bringt Corona das Thema täglich auf den Tisch.

Ja, irgendwann sterben wir alle und nicht nur an oder mit Corona. Aber wir sterben eben nicht alle gleich und innerhalb von Minuten oder Stunden, das kann sich gehörig hinziehen und nicht jeder ist bis ans Ende seines Lebens in der Lage, noch eigenständige Entscheidungen zu treffen. Und da gilt es etwas zu regeln.

Es kann einfach jeden erwischen. Junge und Alte, Arme und Reiche, einfach jeden Menschen. Gerade noch lustig mit anderen gescherzt und ein paar Stunden später nicht mehr in der Lage einen Scherz auch nur im Ansatz zu verstehen.

Die medizinischen Ursachen sind vielfältig. Schlaganfälle, Hirnerkrankungen durch Viren oder Bakterien, Schädel-Hirn-Traumata durch Unfälle, Psychosen, Demenz, Birne weggesoffen usw. Von Null auf Hundert nicht mehr klar im Kopf oder vielleicht noch schlimmer, völlig klar im Kopf, aber nicht mehr in der Lage sich irgendwie verständlich zu machen. Gefangener im eigenen Körper. Eben war man noch der „King of Swing“ und konnte seine Angelegenheiten locker alleine regeln und dann weiß man unter Umständen nicht einmal seinen eigenen Namen und hält die eigenen Kinder für Fremde, oder stellt der eigenen Ehefrau die Mitbewohnerin im Heim als Ehefrau vor.

Wie sich das anfühlt, könnten uns nur Betroffene erzählen, wenn sie es denn könnten. Vielleicht ist es ja gar nicht so übel, wenn man urplötzlich im Geiste wieder in der Jugend lebt? Schwer zu sagen. Vielleicht merkt man ja auch gar nicht, dass man auf einmal nicht mehr in seiner Wohnung lebt und in einem Pflegeheim ist. Mag sein, dass man denkt im Urlaub zu sein. Vielleicht vermisst man ja auch gar nichts aus dem alten Leben. Vielleicht aber vermisst man aber auch alles und leidet fürchterlich.

Das Problem ist, dass dann auf einmal andere Menschen ganz elementare Fragen für Sie entscheiden müssen. Und nein, dass sind dann eben nicht „automatisch“ Ihre Verwandten oder Ihr Ehepartner, wie viele denken. Ohne einen von Ihnen erteilt besondere Vollmacht haben die gar nichts zu kamellen.

Da stellt sich dann die Frage, was man tun kann. Woher sollen andere Menschen wissen, was ich mir wünsche? Wenn ich da selbst fatalistisch keinen Einfluss drauf nehmen möchte oder im Vorfeld zu bequem mich drum zu kümmern, muss ich das nicht. Die kölsche Erkenntnis, et kütt wie et kütt, ist aber nicht jedermanns Sache.

Wenn man so gar nichts regelt, dann sucht das Amtsgericht einen Betreuer für mich aus, meistens einen Berufsbetreuer, also jemanden, der professionell und gegen eine pauschale monatliche Vergütung die Betreuung übernimmt. Früher wurde man „entmündigt“, d.h. man hatte gar nichts mehr zu melden. Das gibt’s heute zumindest auf dem Papier nicht mehr. Die Betreuung wird immer nur für bestimmte Wirkungskreise eingerichtet, also zum Beispiel für die Vermögenssorge, Wohnungsangelegenheiten, die Bestimmung des Aufenthalts, die Gesundheitsfürsorge, eine Freiheitsentziehung oder die Erledigung von Behördenangelegenheiten. Solange das Gericht keinen Einwilligungsvorbehalt bestimmt, darf man auch noch weiter Verträge abschließen und sein Geld auf den Kopf hauen.

Es gibt nun allerdings Betreuer, die den Betreuten an einer ziemlich kurzen Leine halten. Während ein vermögender Nichtbetreuter sich selbstverständlich die Zigarre zur Prostituierten mit einem 200.–€-Schein anzünden darf, wird das beides für einen Betreuten schwierig – auch wenn er sein Leben lang vorher so gelebt hat.

Manche Betreuer versuchen leider ihre eigene Denk- und Lebensart, manche auch ihre persönlichen Moralvorstellung auf den Betreuten zu übertragen. Das ist zwar nicht Sinn und Zweck der Übung, aber es passiert immer wieder. Manche versuchen extrem sparsam zu wirtschaften und sind gegenüber Ausgabewünschen des Betreuten sehr skeptisch, andere sehen das lockerer. Alles in Allem muss es nichts Schlechtes sein, von einem Berufsbetreuer betreut zu werden, weil der sich mit der Materie auskennt und in der Regel bis auf sein normales Erwerbsinteresse auch keinerlei persönliche Interessen verfolgt. Bei manchen Betreuungen sind die gesetzlichen Pauschalen ein schlechter Witz, weil Aufwand und Entschädigung in keinem Verhältnis stehen.

Aber man kann auch an Ganoven geraten, deren Interesse mehr das Geld........

© Die Kolumnisten


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