Warum wird man als Dialektsprecher eigentlich für irgendwie dumm gehalten? Und warum wird immer weniger Dialekt gesprochen? En Kolumne vum Schmitze Hein

Bild von K. H. J. / MCI auf Pixabay
Ist ein paar Jahre her. Meine Mutter war traurig. „Isch hann extra de Käätzje in de Finster gestellt. Dann koom de Zoch , de Kapell hätt tapfer jespellt, ävver meenste do hät eene metjesonge ?“
(Ich habe extra die Kerzchen ins Fenster gestellt. Dann kam der Zug, die Kapelle hat gespielt, aber meinst Du da hätte einer mitgesungen?)

Ich wusste nicht auf Anhieb, was sie meinte. Kerzen im Fenster, Zug, Kapelle, keiner hat mitgesungen ? Dann war es mir klar.

„Meenste de Märteszoch ?“ . „Jo, die kenne die Leeder all jar nit mieh. De Pänz net un de Eldere och net.“
(Meinst Du den Martinszug? Ja, die kennen die Lieder alle gar nicht mehr. Die Kinder und die Eltern auch nicht)

Wen kümmert’s, dachte ich zunächst, aber das kurze Gespräch mit meiner Mutter ging mir den ganzen Tag über nicht aus dem Kopf. Ich war plötzlich wieder Kindergarten und Grundschulkind. Der Martinzug war früher ein Ereignis. Schon Wochen vorher bastelten wir mehr oder weniger schöne Laternen.

Mit echten Kerzen drin. Feuer, offenes Feuer, nix LED. Die einzelnen Schulen wetteiferten um die schönsten Kreationen. Ältere Schüler begleiteten den Zug mit Pechfackeln. Wann bin ich endlich so alt, dass ich auch eine Pechfackel tragen darf, das war die Frage. Fackelzüge müssen nicht zwingend was Böses sein.

Und während der wochenlangen Bastelphase wurden die Lieder geübt. Die hochdeutschen wie „St. Martin, St. Martin ritt durch Schnee und Wind“, die man auch heute noch googeln kann, aber noch viel wichtiger, die Lieder im heimischen Dialekt, nach denen man vergeblich googelt. Die Dialektvariante des Martinliedes ist viel lustiger:

St. Määtes ritt dörch Kappes un Schavur,

do kom dä Buur un schloch en op et Ur

(St.Martin ritt durch das Kohlfeld, da kam der Bauer und schlug ihn aufs Ohr)

Ein paar findet man noch in Archiven, aber – und da hat meine Mutter recht – viele sind vergessen. Die Kapellen haben noch die Noten, die Texte kennt kaum noch einer. Schade.

Dörch all die Strooße trecke mir, Sank Määtes, Sank Määtes,

met Fackel un met Määtesfüer, Sank Määtes, Sank Määtes,

mir don dich och veriehre,

moss os och aanhüehre,

Sank Määtes, Sank Määtes, Sank Määtes, Sank Määtes, „

(Durch all die Straßen ziehen wir, St. Martin, St. Martin,
mit Fackeln und mit Martinsfeuer, St. Martin, St. Martin
wir verehren Dich auch,
musst uns auch anhören
St. Martin, St. Martin, St. Martin, St. Martin)

und da verließen sie ihn. Auch mir fällt der ganze Text nicht mehr ein, obwohl ich meine Mundart, der Rheinländer spricht hier von „singer Muttersprooch“ ( das „o“ offen , wie in Woche ), im Gegensatz zu manch anderem nie verleugnet und neben dem rheinisch-gefärbeten Hochdeutsch auch immer gesprochen habe und noch spreche.

Dass im Zweifelsfall ein Großteil der Kinder und der Eltern gar nicht mehr weiß, warum sie mit den Laternen hinter einem Mann – heute sind es häufiger Frauen, wohl weil die Pferdeverrückter sind – auf einem Pferd herrennen, soll hier nicht das Thema sein. Mir geht es nicht um den christlichen Hintergrund, sondern um die Sprache.

Was wird aus unseren heimischen Dialekten, wenn die Kinder sie nicht mehr sprechen ? Sie gehen verloren. Warum sprechen die Kinder nicht mehr im Dialekt ? Weil die Eltern es nicht mehr tun, sei es , weil sie es selbst schon nicht mehr lernen durften, sei es weil sie es zwar noch können, aber mit ihren Kindern nicht sprechen.

In der Sozialisation der frühen 60er Jahre, der Zeit also, als neben Hochdeutsch vor allem in den Familien noch Dialekt gesprochen wurde, aber auch auch im Kindergarten, fing es langsam an. Plattdissing. Hochdeutsch sollte gesprochen werden. Ohne Knubbel.

Die Bildungsbürgereltern meiner Freunde verboten ihren Kindern im Dialekt zu sprechen. „Das sagt man aber nicht so“. Dialekt gleich doof, Hochdeutsch gleich „jebildet“.

„Watt ene Driss“, möchte man da schreien. Kein Mensch kommt aus „Hochdeutschland“, höchstens ein paar Hannoveraner. Jede Region, jeder Ort, ja teilweise jedes Stadtviertel hatte einmal eine eigene Sprache, eine Regiolekt. Pygmalion lebt von dieser Tatsache, Professor Higgins kannte sie alle. Und heute?

Ist die Sprachkompetenz unserer Kinder heute besser als in den 60er Jahren, Alter? Weit und breit ist bei Kindern kein Dialekt mehr zu hören, aber Hochdeutsch auch eher nicht. Was hat’s gebracht, die Dialekte auch aus den Schulen und Kindergärten zu verbannen ? Ne Driss.

Dass Sprache sich verändert, ist normal. Dass eine ganze Sprache bzw. eine ganze Reihe von Sprachen mit der Generation meiner Eltern oder spätestens meiner ausstirbt, ist bedauerlich. Meine Kinder verstehen zwar noch das Öskercher Platt, aber sie sprechen es nicht mehr. Dass der heimische Dialekt eine eigene Sprache ist, mit eigenen Wörtern, eigener Grammatik und ja, einem eigenem Wert, ist doch kein Geheimnis.

Dialekt mit Dummheit gleichzusetzen ist völlig falsch. Schon 2010 verwies eine Pisa-Studie darauf, dass Dialekte die Auffassungsgabe und das abstrakte Denken schärfen. Eine norwegische Untersuchung von 2015 kam zu dem Ergebnis, dass Menschen, die ihre Mundart sprechen, aufmerksamer sind und ein besseres Gedächtnis haben.

Beim ersten Besuch der Uni saß ich mit meinem Mitschüler, Freund und Kommilitonen Bernd im Hörsaal C des Juridicums in Bonn. Wir unterhielten uns, natürlich auf Platt. Hinter uns saßen zwei Studentinnen, die offenbar zuhörten. Nach einer Weile fragte eine von Ihnen, ob wir Schweden seien, was wir bedauernd verneinen mussten. Die zwei, die aus der Dortmunder Ecke kamen, verrieten uns, dass sie kein Wort von dem verstanden hätten, was wir da gesprochen haben. Bernd, der genauso wie ich keinen Grund sah, seinen Dialekt zu verheimlichen, wurde am Ende seiner Karriere übrigens Präsident des Oberlandesgerichts Köln. Das wird man eher nicht, wenn man dumm ist.

Warum legen Eltern häufig Wert zwar darauf, dass ihre Kinder bilingual unterrichtet werden oder zusätzlich noch Japanisch lernen, bekommen aber Stresspusteln, wenn die aus der Schule Dialektbegriffe mitbringen. Der Dialekt ist eine eigenständige Sprache, kein Abfallprodukt des sogenannten Hochdeutschen. Wir kennen hier den berühmten „Dem-sing-Genitiv“ (Däm Schmitz sing Frau is durchjebrannt), die rheinische Verlaufsform (Ich ben am Kacke) und viele Besonderheiten mehr.

Im Rheinland wird, nicht zuletzt durch die vielen Mundartgruppen, wie BAP, Bläck Föös, Höhner, Brings, Kasalla, Cat Balou, und wie sie alle heißen, eine Art Mundart immerhin noch ein wenig am Leben erhalten – auch wenn es weder das echte Kölsch noch sonst irgendein echter Dialekt ist, der da in der Regel verwendet wird. Klingt halt für Immies so wie Kölsch, die einzige Sprache, die man auch trinken kann.

Klingt also wenigstens so ähnlich. Leider wird diese Sprache aber oft nur zu Karneval aus dem Giftschrank geholt und am Aschermittwoch mit dem Nubbel wieder verbrannt. Dialekt nur als Karnevalsaccessoire?

Na und, fragt der ein oder andere Hochkulturer ? Diese niedere Sprache ist doch nicht wertvoll, nur etwas für Volkstheater. Falsch.

Die Dialekte sind eine untergehende Kultur. Wenn es sich um andere untergehende Kulturen weit weg , am Arsch der Welt handelt, sind dieselben hochnäsigen, gestelztes Hochdeutsch sprechenden BildungsbürgerInnen gerne bereit, tief ins Portemonnaie zu greifen und für deren Rettung zu spenden. Aber für die eigenen sprachlichen Wurzeln ? Kaum.

Es gibt einige Projekte wie z.B. die in Köln ansässige „Akademie för uns kölsche Sprooch “ und kleine örtliche Projekte. Gesprochen wird die „Sprooch“ aber nur noch von Älteren, sie trocknet aus, sie verschwindet. In der Region um Köln ist es noch besser als anderswo. Hier sollen nach Studien rund 10 Millionen das Ripuarisch, jo su heesch dat halt, immerhin passiv verstehen und noch rund 500000 es aktiv sprechen. Echtes Ostfriesisch sprechen wesentlich weniger Menschen.

Mir tut das weh. Bevor jetzt die Nationalisten denken, sie hätten eine deutsch-nationale Schwachstelle bei mir entdeckt und ich sei ein heimlicher Deutschtümeler. Falsch. Das Gegenteil ist der Fall. In der Vielfalt der Dialekte zeigt sich die Vielfalt der Menschen, ein buntes Deutschland, ein buntes Europa und eine bunte Welt.

Es ist nicht nötig seine nationale oder regionale Herkunft in der Sprache zu verleugnen und seine eigentliche Muttersprache , also hier den Dialekt, zu verraten und zu verkaufen. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken – und zwar im doppelten Sinne.

Natürlich ist das sogenannte Hochdeutsch als Amts- und Kommunikationssprache zwischen allen Bürgern wichtig und natürlich sollte jeder Bürger diese Sprache beherrschen. Ansonsten könnte die Kommunikation zwischen einem Rheinländer und einem Bayern problematisch werden. Ich hörte heute beim Arzt, wie eine Dame sagte, sie sei von München nach Euskirchen gezogen und habe jetzt das Problem, dass sie nichts verstehe, wenn die Leute Dialekt sprechen würden. Daraufhin sagte der Arzt, seine Frau sei ebenfalls aus München und habe lange gebraucht, aber jetzt verstünde sie alles. Et jeht alsu irjendwie.

Sogenanntes Hochdeutsch ist nötig, aber nicht um den Preis, damit allen eine Einheitsidentität überzustülpen und seine sprachliche Herkunft zu verleugnen. „Deutschsprach, Deutschsprach über alles“ kann nicht das Ziel sein. Vielmehr Erhaltung und aktive Wiederbelebung der Dialekte.

Dass Dialekt und Nationalismus nichts, aber auch gar nicht miteinander zu tun haben, zeigten schon alle Künstler die an der größten antirassistischen und antinationalistischen Demonstration am 9.11.1992, 9.11.2012 und am 9.11.2022 teilgenommen haben.

Die heißt nicht „Hintern hoch – Zähne auseinander“, nein, die heißt kraftvoll „ARSCH HUH – ZÄNG USSSENANDER“. Ich versteige mich mal zu der Behauptung, dass ein lebender Lokalpatriotismus eine natürliche Immunisierung gegen jede Form von Nationalismus mit sich bringt. Und ja, der FC ist mir näher als die als Nationalmannschaft bezeichnete DfB-Auswahl.

Auf Hochdeutsch wäre eine solche Veranstaltung mit dieser emotionalen Intensität kaum vorstellbar, „do fählt et Hätz“.

Ich erinnere mich an eine „Einer wird gewinnen“ – Sendung mit Hans Joachim Kulenkampff, lange her. Boaah bin ich alt. Auf der Bühne stand ein Statist in britischer Beefeater-Uniform für irgendein Zuordnungsspiel.

Nach dem Spiel fragte der Moderator diesen Statisten, „where do you come from?“ und der antwortet in herzerfrischendem Kölsch, „Isch ben uss Nippes“. So muss es sein, unvergesslich, mein Held, der Nippesser.

Vielleicht können die Kindergärten ja mal in den Altersheimen vorbeischauen. Vielleicht können die Alten ihnen die alten Martinslieder vorsingen oder auch einfach im Dialekt mit ihnen reden. Vielleicht können die Kindergärtnerinnen das ja aufnehmen, die alten Texte aufschreiben und somit erhalten.
Nee, watt wör datt schön.

Aber ich glaube es ganz ehrlich gesagt nicht. Ich fürchte, ming Sprooch stirv uss.

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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26.11.2022

Warum wird man als Dialektsprecher eigentlich für irgendwie dumm gehalten? Und warum wird immer weniger Dialekt gesprochen? En Kolumne vum Schmitze Hein

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Ist ein paar Jahre her. Meine Mutter war traurig. „Isch hann extra de Käätzje in de Finster gestellt. Dann koom de Zoch , de Kapell hätt tapfer jespellt, ävver meenste do hät eene metjesonge ?“
(Ich habe extra die Kerzchen ins Fenster gestellt. Dann kam der Zug, die Kapelle hat gespielt, aber meinst Du da hätte einer mitgesungen?)

Ich wusste nicht auf Anhieb, was sie meinte. Kerzen im Fenster, Zug, Kapelle, keiner hat mitgesungen ? Dann war es mir klar.

„Meenste de Märteszoch ?“ . „Jo, die kenne die Leeder all jar nit mieh. De Pänz net un de Eldere och net.“
(Meinst Du den Martinszug? Ja, die kennen die Lieder alle gar nicht mehr. Die Kinder und die Eltern auch nicht)

Wen kümmert’s, dachte ich zunächst, aber das kurze Gespräch mit meiner Mutter ging mir den ganzen Tag über nicht aus dem Kopf. Ich war plötzlich wieder Kindergarten und Grundschulkind. Der Martinzug war früher ein Ereignis. Schon Wochen vorher bastelten wir mehr oder weniger schöne Laternen.

Mit echten Kerzen drin. Feuer, offenes Feuer, nix LED. Die einzelnen Schulen wetteiferten um die schönsten Kreationen. Ältere Schüler begleiteten den Zug mit Pechfackeln. Wann bin ich endlich so alt, dass ich auch eine Pechfackel tragen darf, das war die Frage. Fackelzüge müssen nicht zwingend was Böses sein.

Und während der wochenlangen Bastelphase wurden die Lieder geübt. Die hochdeutschen wie „St. Martin, St. Martin ritt durch Schnee und Wind“, die man auch heute noch googeln kann, aber noch viel wichtiger, die Lieder im heimischen Dialekt, nach denen man vergeblich googelt. Die Dialektvariante des Martinliedes ist viel lustiger:

St. Määtes ritt dörch Kappes un Schavur,

do kom dä Buur un schloch en op et Ur

(St.Martin ritt durch das Kohlfeld, da kam der Bauer und schlug ihn aufs Ohr)

Ein paar findet man noch in Archiven, aber – und da hat meine Mutter recht – viele sind vergessen. Die Kapellen haben noch die Noten, die Texte kennt kaum noch einer. Schade.

Dörch all die Strooße trecke mir, Sank Määtes, Sank Määtes,

met Fackel un met Määtesfüer, Sank Määtes, Sank Määtes,

mir don dich och veriehre,

moss os och aanhüehre,

Sank Määtes, Sank Määtes, Sank Määtes, Sank Määtes, „

(Durch all die Straßen ziehen wir, St. Martin, St. Martin,
mit Fackeln und mit Martinsfeuer, St. Martin, St. Martin
wir verehren Dich auch,
musst uns auch anhören
St. Martin, St. Martin, St. Martin, St. Martin)

und da verließen sie ihn. Auch mir fällt der ganze Text nicht mehr ein, obwohl ich meine Mundart, der Rheinländer spricht hier von „singer Muttersprooch“ ( das „o“ offen , wie in Woche ), im Gegensatz zu manch anderem nie verleugnet und neben dem rheinisch-gefärbeten Hochdeutsch........

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