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Mehr Glück als Verstand

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19.12.2020

Den ersten Teil des folgenden Textes schrieb ich vor sieben Jahren. Er erschien an Heiligabend 2013. Viele der dort auftretenden Menschen leben nicht mehr. Eine Weihnachtskolumne von Heinrich Schmitz

Bild von Free-Photos auf Pixabay

„Sie lesen meine Kolumne an Heiligabend? Sitzen nicht vereint mit der Familie und einem spontan eingeladenem Obdachlosen bei Würstchen und Kartoffelsalat friedlich zusammen und schwelgen in Kindheitserinnerungen? Spüren nicht den Geist der Weihnacht, sondern nur den Weingeist? Singen oder hören keine Weihnachtslieder? Konnten das scheinheilige Getue und die künstliche Harmonie nicht mehr ertragen und treiben lieber durchs Internet? Immerhin sind Sie ja hier auf einer tendenziell seriösen Seite gelandet und nicht auf einem Einhandseglerportal. Nun, machen Sie sich nichts draus, auch dieses Fest geht irgendwann vorbei. Wie alles.

Ein paar Tage vor Weihnachten war ich als Verfahrenspfleger in einem psychiatrischen Krankenhaus. Geschlossene Abteilung. Eine Station mit überwiegend dementen Greisinnen und Greisen. Hohe Frauenquote, ganz ohne gesetzliche Regelung. Ich durfte etwas warten, beobachtete die Anwesenden und kam beim Zuschauen gehörig ins Grübeln.

Der kleine alte Mann, der mit sanfter, aber beharrlicher Kraft seinen Rollator auf den Lenker stellte. Was hatte der denn vor? Er zog seinen Pullover aus und stand im Feinrippunterhemd vor den älteren Damen, die zum Teil aufmerksam und bewundernd zusahen, zum Teil scheinbar apathisch durch ihn hindurch starrten. Die Frage, warum er den Pullover ausgezogen habe, beantwortete er völlig logisch. „Weil ich den beim Bremsscheibenwechsel nicht versauen will.“ Ja, da haben Sie recht, antwortete ich. Zufriedenheit in seinem Blick.

Eine andere Patientin stellte den Rollator wieder auf die Räder, gab den Pullover zurück. Der Mann zog ihn wieder an und ging leicht vorgebeugt umher. Offenbar hatte er die imaginären Bremsscheiben wahlweise erfolgreich gewechselt oder schon wieder vergessen.

„Mit welchem Bus komme ich denn nach Jülich?“ Die gepflegte Dame fragte höflich. Ich wusste nichts von einem Bus und zuckte mit den Schultern. „Mit der 857“, antwortete hinter mir die Tochter einer anderen Patientin sofort. Die Fragestellerin wiederholte zufrieden „857, 857“. Ich runzelte die Stirn und schaute wohl etwas fragend. „Klare, einfache Antworten sind bei Dementen besser als der Hinweis, dass sie hier nicht raus können. Oder das man etwas nicht weiß. Hier fährt kein Bus.“ Ich nickte. Verstanden.

Wird’s........

© Die Kolumnisten


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