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17.07.2021

Eine ganze Region steht unter Wasser. Eine Kolumne aus dem überfluteten Euskirchen von Heinrich Schmitz

Fotos: Marlies Rokitta-Liedmann

Vorab, mir geht es gut. Wir haben Glück gehabt. Ein Rinnsal an einer Wand im Wohnzimmer, Tapete nass, eine Pfütze am Boden. Doof, aber kein Problem. Bei meiner Tochter und meinem Schwiegersohn nebst Enkelin Nummer 1, etwas weniger Glück. Keller vollgelaufen, mit Notstromaggregat und Schmutzwasserpumpe leergepumpt, Sachschäden an Haus und Sachen. Aber halt auch Glück. Meine Schwiegermutter hatte noch weniger Glück. Eine Schlammlawine hat ihr Haus und ihr Grundstück getroffen. Das Haus dürfte kaum zu retten sein. Aber auch sie hatte noch Glück, sie lebt. Glück ist relativ.

Andere hatten weniger Glück. Bisher (Stand Freitag 18:00) sind 24 Tote im Raum Euskirchen gefunden worden, 40 werden vermisst. Und ich bin sicher, dass die Retter in den Häusern noch viele Tote finden werden.

Während die Nachbarn meiner Schwiegermutter morgens um 6 Uhr mit einem Schlauchboot evakuiert und damit gerettet wurden und die anderen Nachbarn sich über Nacht auf ein Garagendach retteten, ließ man die 87-jährige demente Frau in ihrem überfluteten Haus sitzen. Auf die Frage der geretteten Nachbarn, was denn mit den anderen Nachbarn sei, bekamen die die Antwort, von denen läge kein Notruf vor. Jo, nicht so einfach ohne Strom, Festnetz oder Handyverbindung einen Notruf abzusetzen. Auch der Hausnotruf, den die Schwiegermutter hatte, funktioniert nur mit einer Festnetzverbindung. Kann man da nicht mal klopfen, wenn die Nachbarn darauf hinweisen, dass da eine alte Frau im Haus ist?

Und obwohl die nur etwa einen Kilometer von uns entfernt lebte, haben wir 8 Stunden gebraucht, um über andere, entlegene Orte und Schleichwege irgendwann durch das Wasser zu ihren Haus zu kommen. Und da stand sie dann tapfer und völlig durchnässt im Schlamm, mit einem Schrubber in der Hand und wollte, bevor wir sie aus dem Haus holten, noch „schnell saubermachen“. Demenz kann ein Segen sein.

Dass ihr schöner freistehender Bungalow, in dem sie einen Großteil ihres Lebens verbracht hat, vermutlich nicht mehr zu retten ist, realisiert sie nicht. Sitzt nun auf unserem Sofa und sagt, dass sie schnell wieder nachhause will. Pflegeplätze Fehlanzeige, weil bereits mehrere Pflegeeinrichtungen evakuiert werden mussten. Aber egal. Das ist alles irgendwie zu regeln. Sie lebt. Glück oder so.

Meine........

© Die Kolumnisten


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