Die Anzahl der Krisen wird langsam aber sicher unübersichtlich und ermüdend. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz

Bild von Myléne auf Pixabay

Es reicht langsam. Ich mag keine Nachrichtensendung mehr ansehen. Und schon gar keine Brennpunkte, Talkshows mit Showlosophen und unzählige Sondersendungen. Ich möchte einfach mal ein paar Tage Ruhe haben. Ich bin so müde. Kennen Sie das auch?

Es fing mit Corona an. Nichts Genaues wusste niemand. Es gab diverse Maßnahmen bis zum Lockdown, es gab Hoffnungen durch neu entwickelte Impfstoffe. Es gab neue Probleme durch Veränderungen des Virus. Es gab vollgelaufene Intensivstationen, überforderte PflegerInnen und Ärzte. Tote. Patienten, die einsam sterben mussten (wie meine Mutter), weil kein Besuch mehr erlaubt war. Und dann wieder ein Funken Hoffnung durch angepasste Impfstoffe. Keine Konzerte, kein Theater, kein Karneval, keine Kölner Lichter. Schulen, Kitas und Kindergärten erst geschlossen, dann im Notbetrieb, dann Homeschooling. Genervte Kinder, genervte Eltern. Stdierende, die 4 Semester lang keinen Kontakt zu anderen Studenten hatten. Immer wieder Tests und damit wenigstens eine gewisse Übersicht über die Lage. Es gab einen Christian Drosten, der mit seinem Podcast ein bisschen Licht ins Dunkel brachte – und dafür Morddrohungen von Impfgegnern und Coronaleugnern bekam. Dann kein Drosten mehr. Nachdem Jens Spahn kein Gesundheitsminister mehr war, kam Karl Lauterbach. Dessen Kommunikationstalent brachte allerdings mehr Verwirrung als Führung, obwohl er vermutlich fachlich mehr Ahnung hatte, als zuvor Spahn. Und mittlerweile ist er eher ein Leiserbach, womöglich auch besser so.

Die Infektionszahlen stiegen kurz nach dem Oktoberfest wieder, obwohl kaum noch getestet wird und eh nur die PCR-Tests gezählt werden. Ich wurde im Supermarkt angepöbelt, weil ich es weiter für sinnvoll halte, eine FFP2-Maske zu tragen. „Nimm den Lappen aus dem Gesicht, Du Idiot!“. Nun ja, ich weiß nicht, warum der Lappen jemand anderen stört, aber okay. Die Nerven liegen halt bei vielen Menschen blank. Bisher bin ich ohne Covid19 über die Runden gekommen. Dann bleib ich einfach noch etwas Idiot. Auch wenn jetzt mal wieder die Inzidenz zu fallen scheint, mir reichen die rund 150 Toten, die täglich dazukommen, als Warnung aus.Das ist noch lange nicht vorbei. Die Inzidenzzahlen sind eh nur die Spitze des Eisberges. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, zu sterben. Das kommt ja sowieso. Dann hab ich wenigstens mal meine Ruhe. Aber es muss noch nicht jetzt sein und schon gar nicht, wenn ich es vermeiden kann.

Dann kam die Flut. Meine Heimatstadt wurde im letzten Jahr heftigst getroffen. Die gesamte Innenstadt sah aus, wie nach einen Krieg. Tote, Verletzte, Zerstörung von Häusern, Wohnungen und Geschäften. Das Haus der Schwiegermutter, ein Trümmerfeld. Die arme Frau musste in ein Pflegeheim, wie viele andere auch. Tagelang kein Strom, kein Telefon, kein Internet. Das Amtsgericht geschlossen. Nichts Sinnvolles zu tun, außer Schlamm fegen. Nur die Existenzangst im Nacken bei Vielen. Auch das machte wieder unendlich müde. Aber man konnte wenigstens wieder anfangen aufzubauen. Etwas tun können hilft immens. In der Stadt sind wieder ein paar Geschäfte auf, aber auf einer Straße tut sich so gut wie gar nichts. Viele inhabergeführte Läden werden wohl nie mehr öffnen, viele Menschen nie mehr in ihre alten Wohnungen zurückkehren. Ob die Stadt mal wieder wirklich leben wird, wie alle sich wünschen, ich weiß es nicht.

Dann kam der russische Angriff auf die Ukraine. Wieder Ängste. Drohungen mit einem Atomkrieg, wenn die NATO sich einmischt. Wie viel Hilfe kann man leisten, ohne Kriegspartei zu werden? Kommt jetzt „der Russe“, vor dem die Oma immer Angst hatte? Und gleichzeitig, auch das ist meine Meinung, wir müssen der Ukraine helfen, die russische Armee aus ihrem Land zu vertreiben. Ich habe nie geglaubt, dass unsere Freiheit am Hindukush verteidigt werden musste, aber in der Ukraine ist das so. Viele neue Flüchtlinge, okay. Große Hilfsbereitschaft wie schon 2015. Aber eben auch die Sorge, wie das alles zu stemmen sein wird.

Der immer deutlicher werdende Klimawandel. Ob Überflutungen, Hitzesommer mit Dürre, Waldbrände, sieht alles danach aus, als wäre der schon da. Und gerade jetzt, wo nur noch ein paar Deppen und nicht einmal deren neuer Held, Vince Ebert die Tatsache leugnen, dass der Klimawandel auch Menschen gemacht ist, kommt die Energiekrise dazu und wir müssen weiter Braun- und Steinkohle verbrennen, um Strom für den Winter zu haben. Klimaschutz hat Pause. Aber eine Pause, die wir uns eigentlich auch nicht leisten können.

Zusätzlich verreckt mal gerade meine Heizung. Eine neue zu bekommen, ist nach der Flutkatastrophe gar nicht so leicht und auch noch teuer. Immerhin sollte die neue dann mit weniger Gas auskommen, hoffe ich. Mal sehen. Ich wäre ja schon froh, wenn es überhaupt genug Gas über den Winter geben wird. Ja, die Abhängigkeit von russischem Gas war selbst gemacht. Lustig, dass man das jetzt der Ampel in die Schuhe schieben will, war doch in den 16 Jahren zuvor Frau Merkel Kanzlerin. Dass der Ausbau der erneuerbaren Erneuerbaren und die Schaffung z.B. von Speichern und Eletrolysateuren für grünen Wasserstoff verpennt worden, bedauerlich. Hilft jetzt aber auch nichts. Da müssen wir durch. Ich hab mal was Holz bestellt.

In der näheren Umgebung gibt es immer mehr Fälle von Depression. Menschen, bei denen man nie gedacht hätte, dass die einmal nicht mehr können, schaffen es nicht mehr, sich von der umgreifenden Dunkelheit zu befreien und begeben sich freiwillig in die Psychiatrie. Gefühlt, ich habe keine aktuellen Zahlen, nehmen auch die zwangsweisen Unterbringungen vor. Eine Mandantin versucht trotz der Unterbringung mindestens einmal die Woche, sich umzubringen. Sie will nur Ruhe. Manch einer traut sich gar nicht mehr aus dem Haus oder kann es sich einfach nicht mehr leisten, sich mal mit Freunden zu treffen, falls er überhaupt noch welche hat.

Und ja. Bei mir laufen täglich Menschen auf, die Probleme haben. Kommt ja keiner zum Anwalt, um ihm mal einen guten Tag zu wünschen und ihn anzustrahlen. Gejammer, Geheule, Probleme. Okay, Vorsicht bei der Berufswahl. Manchmal möchte ich einfach morgens liegenbleiben, aber keiner ruft lauter als die Pflicht und es würde ja auch gar nichts helfen, zuhause zu bleiben. Da fällt einem schnell die Dekce auf den Kopf.

Ja, auch ich bin müde. Sehr müde. Aber Krise hin oder her. Da müssen wir irgendwie rauskommen. Im Ideaalfall besser gerüstet als vorher. Am besten gemeinsam, miteinander. Nicht gegeneinander. Die Populisten lauern nur darauf, die Gesellschaft zu spalten und mit ihren primitiven Lösungen, die gar keine sind, an die Macht zu kommen. Das darf nicht passieren. Das Problem, dass Populisten lösen könnten, muss erst noch erfunden werden. Die sind ein Prblem und lösen keines. Durch die vielen Krisen ist die Demokratie in Europa in ernsthafter Gefahr, wie man z.B. in Italien sehen konnte. Und was passiert, wenn man einen populistischen Clown wie Boris Johnson mit seinem nationalistischen Brexitwahn an die Macht kommen lässt, spüren die Briten gerade am eigenen Leib. Die Chuckypuppe als Nachfolgerin hat mal gerade 42 Tage durchgehalten und damit gegen den Salatkopf verloren. Wer weiß, wer das jetzt kommt.

Noch ist es in Deutschland nur ein Wähleranteil von um die 15%, der glaubt, es gäbe Lösungen jenseits des demokratischen Spektrums. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass das ganz schnell mehr werden können und eben auch, dass das nicht an einem guten Ende rauskommt.

Ich denke an meine Enkelinnen und Enkel und hoffe, dass es der Generation der Opas und Omas und natürlich der Eltern gelingen wird, ihnen eine halbwegs unbeschwerte Kindheit und Jugend zu erhalten. Unsere Generation hat vieles richtig, aber leider auch vieles falsch gemacht. Jetzt sind wir an der Reihe, die gemachten Fehler zu korrigieren. Und dazu dürfen wir uns nicht der Müdigkeit ergeben und resignieren. Aufgeben ist keine Option. Wenn wir tot sind, haben wir noch Zeit genug zum Ruhen in Frieden. Jetzt gilt es noch einmal aktiv zu werden. Machen wir uns an die Arbeit.

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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Krisenzeit – Ich bin so müde

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22.10.2022

Die Anzahl der Krisen wird langsam aber sicher unübersichtlich und ermüdend. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz

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Es reicht langsam. Ich mag keine Nachrichtensendung mehr ansehen. Und schon gar keine Brennpunkte, Talkshows mit Showlosophen und unzählige Sondersendungen. Ich möchte einfach mal ein paar Tage Ruhe haben. Ich bin so müde. Kennen Sie das auch?

Es fing mit Corona an. Nichts Genaues wusste niemand. Es gab diverse Maßnahmen bis zum Lockdown, es gab Hoffnungen durch neu entwickelte Impfstoffe. Es gab neue Probleme durch Veränderungen des Virus. Es gab vollgelaufene Intensivstationen, überforderte PflegerInnen und Ärzte. Tote. Patienten, die einsam sterben mussten (wie meine Mutter), weil kein Besuch mehr erlaubt war. Und dann wieder ein Funken Hoffnung durch angepasste Impfstoffe. Keine Konzerte, kein Theater, kein Karneval, keine Kölner Lichter. Schulen, Kitas und Kindergärten erst geschlossen, dann im Notbetrieb, dann Homeschooling. Genervte Kinder, genervte Eltern. Stdierende, die 4 Semester lang keinen Kontakt zu anderen Studenten hatten. Immer wieder Tests und damit wenigstens eine gewisse Übersicht über die Lage. Es gab einen Christian Drosten, der mit seinem Podcast ein bisschen Licht ins Dunkel brachte – und dafür Morddrohungen von Impfgegnern und Coronaleugnern bekam. Dann kein Drosten mehr. Nachdem Jens Spahn kein Gesundheitsminister mehr war, kam Karl Lauterbach. Dessen Kommunikationstalent brachte allerdings mehr Verwirrung als Führung, obwohl er vermutlich fachlich mehr Ahnung hatte, als zuvor Spahn. Und mittlerweile ist er eher ein Leiserbach, womöglich auch besser so.

Die Infektionszahlen stiegen kurz nach dem Oktoberfest wieder, obwohl kaum noch getestet wird und eh nur die PCR-Tests gezählt werden. Ich wurde im Supermarkt angepöbelt, weil ich es weiter für sinnvoll halte, eine FFP2-Maske zu tragen. „Nimm den Lappen aus dem Gesicht, Du Idiot!“. Nun ja, ich weiß nicht, warum der Lappen jemand anderen stört, aber okay. Die Nerven liegen halt bei vielen Menschen blank. Bisher bin ich ohne Covid19 über die Runden gekommen. Dann bleib ich einfach noch etwas Idiot. Auch wenn jetzt mal wieder die Inzidenz zu fallen........

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